In Medien und öffentlichen Debatten lässt sich beobachten, dass Rassismus in Deutschland teilweise als spezifisch ostdeutsches Problem dargestellt wird. Im Gegensatz dazu erschien Westdeutschland lange offener und toleranter. Der Historiker Patrice Poutrus wirft einen kritischen Blick auf diese Gegenüberstellung. Er hebt hervor, dass das spezielle Bild von Ostdeutschland erst in Folge des Mauerfalls entstanden ist.
Rassismus war in der DDR schwer benennbar, weil der Staat von einem antifaschistischen Selbstbild ausging. Dieses zeigte sich etwa in Solidaritätsbekundungen, beispielsweise mit Blick auf die Angela Davis, eine afro-amerikanische Bürgerechtlerin, Philosophin und Schriftstellerin. Sie war 1970 in den USA inhaftiert worden und erhielt und unter anderem durch eine groß angelegte Postkartenaktion unter dem Motto ‚1 Million Rosen für Angela Davis‘ Unterstützung von vielen DDR-Bürger*innen. Angela Davis wurde 1972 von allen Anklagepunkten freigesprochen.
Zugleich wurde in der DDR der durchaus vorhandene und auch teilweise sehr gewaltsame Rassismus oft abgestritten und nicht als solcher anerkannt. Zum Teil wird der Rassismus in der DDR selbst im Rückblick nicht anerkannt. Gleichzeitig wird Rassismus in Ostdeutschland nach und seit dem Mauerfall in westdeutschen Medien und Diskursen häufig in spezifischer Weise problematisiert. Die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus erkennt darin ein verzerrtes Bild. Sie betont, dass Rassismus sowohl in West- als auch in Ostdeutschland ein Problem ist. Der Historiker Patrice Poutrus stellt heraus, dass das Bild von ‚Ostdeutschland‘, das heute überall präsent ist, vor der Wende nicht existierte. Ostdeutsche haben sich demnach erst nach der Wende von 1989 als Ostdeutsche verstehen müssen, auch weil sie von Westdeutschen so benannt wurden, die sich dadurch von den Ostdeutschen abgrenzen wollten. Ausdrücke wie ‚Dunkeldeutschland‘ sind Abwertungen, in denen Ostdeutschland unter anderem als Region besonderer rassistischer Gefahren dargestellt wird. Die Soziologin Katharina Warda greift den Begriff Dunkeldeutschland kritisch auf und macht darauf aufmerksam, dass diese Benennung zur Abwertung Ostdeutschlands beiträgt.
Katharina Warda beschreibt, dass Erzählungen ostdeutscher Schwarzer Personen in den Geschichten und Berichten über Ostdeutschland und die DDR nur selten berücksichtigt werden. In dieser Spur werden die Perspektiven ostdeutscher rassismuserfahrener Personen dargestellt, die auch in den Interviews, die im Rahmen von WueRD geführt wurden, sichtbar werden. Die Interviews zeigen, wie unterschiedlich Lebenslagen in der DDR sein konnten und sich auch seit dem sogenannten Mauerfall gestalteten. Hierbei wird unter anderem Wissen über die Gefahr und Realität rassistischer Gewalt und gleichzeitig Wissen über das Schweigen über Rassismus und rassistische Gewalt in der DDR deutlich. Gleichzeitig sprechen mehrere Befragte von rassistischer Abwertung und Gewalt. Sie schildern, dass sie zum Teil nur als Arbeitskräfte und als nicht zugehörig gesehen wurden. Einige Befragte berichten, dass sie durch Nachbar*innen und Fremde übermäßige Kontrolle und Zurechtweisung erfahren haben. Kiram Baloch erklärt, dass er auf Basis physiognomischer Merkmale und als Student weniger als jemand adressiert wurde, der als Anderer gilt, was ihn aus seiner Sicht vor bestimmten Erfahrungen des Rassismus schützte. Dieser Eindruck verweist auf unterschiedliche Erfahrungen, die aus rassismuskritischer Perspektive genauer zu betrachten sind. Laura Rubio ist in den 2010er-Jahren aus West- nach Ostdeutschland gezogen. Sie berichtet, dass ihr seitdem im öffentlichen Raum häufiger offene rassistische Beleidigungen und Zuschreibungen begegnen. Ihrer Einschätzung nach musste sie durch ihren Umzug weitere Formen und Ausprägungen des Rassismus kennenlernen. Hierbei unterstreicht sie, dass Rassismuserfahrungen zuvor in Westdeutschland anders ausgestaltet, aber dennoch auch bedeutsam für ihr Erleben waren.
Insgesamt lässt sich Rassismus weder als ostdeutsche Abweichung noch als rein gesamtdeutsches Thema erzählen. Es zeigen sich Besonderheiten sowohl in Ostdeutschland als auch in Westdeutschland, die auch etwas mit den zur Schau gestellten Selbstbildern der beiden Gesellschaften, als endgültig nicht mehr rassistisch (BRD) oder als antifaschistisch (DDR) zu tun haben. Die Historikerin Maria Alexopoulou stellt heraus, dass geschichtlich betrachtet vor allem der Umstand, dass Deutschland sich nicht als Einwanderungsgesellschaft verstehen will und wollte, für die Ausprägung des Rassismus relevant ist. Eine rassismuskritische Auseinandersetzung fragt also weniger danach, ob Ostdeutschland rassistischer ist als Westdeutschland, sondern was die Besonderheiten in der DDR und in der BRD waren. Daran schließen sich dann Fragen an, wie diese Besonderheiten nach 1989 als gesamtdeutsche Kontinuitäten des Rassismus zusammenwirken.