Mein Vater war bei der Rückreisewelle 1988 dabei. Ich habe ihn nie kennengelernt und hatte auch keinen Bezug zu ihm. Irgendwann habe ich ein Foto bekommen. Er sah fast so aus wie ich, nur dünner und größer, mit einem Moped, glaube ich. Ansonsten hatte ich, wie gesagt, keinen Bezug zu ihm, und deshalb war das Thema Austausch für mich nicht so präsent. Ich glaube, wenn ich eine andere Person getroffen hätte, die von Rassismus betroffen gewesen wäre, wäre das für mich persönlich eine ganz andere Situation gewesen. Die Auseinandersetzung damit war mit meiner Mutter oder meinen Geschwistern nicht besonders groß.
Wen vermisst du?
„Mit dem rapiden Machtverlust der SED im Herbst und Winter 1989/90 ging nicht nur die Illusion der Reformierbarkeit der Planwirtschaft verloren, sondern auch die Kontrolle über die staatlichen Betriebe. Damit landeten die Vertragsarbeiter:innen trotz fortwährender Gültigkeit der bilateralen Entsendevereinbarungen in einem rechtlichen Niemandsland. In der sich abzeichnenden Systemkrise standen viele nun massiv unter Druck: Vertragsarbeiter:innen waren von betrieblichen Kündigungen betroffen, und betriebliche Unterkünfte wurden aus Kostengründen geschlossen. Insbesondere am Rande ostdeutscher Großstädte breitete sich ein xenophobes Klima aus, dessen radikalster Ausdruck gewaltsame Übergriffe auf Ausländer:innen waren. Um diesen Verhältnissen zu entgehen, folgten zahlreiche Vertragsarbeiter:innen dem Weg ihrer ostdeutschen Kolleg:innen und beantragten nach dem Fall der Mauer in Westdeutschland Asyl. Zugleich bemühte sich die inzwischen frei gewählte und zugleich letzte Regierung der DDR im Sommer 1990 darum, die gezielte Rückführung der nun ehemaligen Vertragsarbeiter:innen in ihre Entsendeländer durch finanzielle Unterstützungszahlungen zu befördern. Die gewandelte gesellschaftliche Situation in der DDR und die damit einhergehenden staatlichen Maßnahmen führten schließlich dazu, dass von den Ende 1989 registrierten etwa 59000 vietnamesischen und 15100 mosambikanischen Vertragsarbeiter:innen zum Zeitpunkt der deutschen Einheit lediglich noch 21000 beziehungsweise 2800 in Ostdeutschland lebten.“
Mein Vater hatte sein Medizinstudium schon abgeschlossen und machte noch seinen Doktor, als der Biafra-Krieg ausbrach. Er ist nach Nigeria zurückgegangen, um als Mediziner im Krieg seine Leute zu unterstützen. Er gehörte zu den Igbos im Osten Nigerias, die damals die Abspaltung vom Rest des Landes betrieben. Daraus entwickelte sich ein Bürgerkrieg. Mein Vater ging weg und kam nicht wieder.
„Die Pädagogin und Beraterin Mai-Phuong Kollath, die zu einer der ersten 20 Vertragsarbeiterinnen zählte, die nach Rostock kamen, berichtet auf der Konferenz ‚Als ich nach Deutschland kam…‘ des ‚International Women’s Space‘ im Gespräch mit Figen Izgin davon, wie sie bereits bei der Ankunft in Deutschland untersucht wurden, um zu gewährleisten, dass sie nicht schwanger, ohne Krankheit und mit einer vorgeschriebenen Körpergröße einreisten. Diese ableistischen Regulierungen endeten damit nicht: Präventiv wurde ihnen die Anti-Baby-Pille verschrieben, wobei ihnen ohne Deutschkenntnisse das notwendige Verständnis über die Wirkung, eventueller Nebenwirkungen und Gefahren verwehrt blieben.“
„Im Falle einer Schwangerschaft wurden Schwangere vor zwei Möglichkeiten gestellt: Einer Abtreibung oder einer Abschiebung bzw. ‚sofortige Rückkehr‘ ins Herkunftsland. Ob die Entscheidung zu einer Abtreibung eine ‚selbstbestimmt‘’ war, ist aufgrund des Einflusses von verschiedenen Faktoren sehr unwahrscheinlich. Neben der Abschiebung als Gefahr, dürften auch Risiken wie soziale Stigmatisierung im Herkunftsland, Rückführungskosten und zum Teil sogar hohe Geldstrafen eine Rolle gespielt haben. Laut Mai-Phuong Kollath führten die repressiven Schwangerschaftsbestimmungen dazu, dass in ihrem Umfeld jede Vertragsarbeiter*in vier bis fünf Abtreibungen durchführte. Gleichzeitig lag die Zahl der sogenannten ‚vorzeitige(n) Aufenthaltsbeendigung‘ bis 1990 bei jährlich 300 Vietnames*innen.“
Einige sagen: ‚Ja, ich habe viel erreicht, aber dabei auch viel verloren.‘ Damit meine ich den Kontakt zur Familie. Mein Vater ist vor drei Jahren gestorben, und ich habe gar nicht mitbekommen, dass er gestorben ist. Kein Kontakt zu den Eltern, zu den Geschwistern, zum Bruder. Nichts. Null. Diese Distanz bringt Menschen auseinander. Man lebt getrennt und entwickelt sich auseinander. Oder, mit anderen Worten: Die Familie ist die, die man selbst gegründet hat.
„Nachdem ich diesen Text an der Women in German Tagung 1992 vorgetragen hatte, bot mir Sara Lennox an, meinen Vater zu suchen. Ich hatte ein gutes und sicheres Gefühl, denn ich wußte, Sara Lennox wird nicht eher mit der Suche aufhören, bis sie ihn bzw. meine schwarze Familie gefunden hat.
Am 19. Mai 1993 um ca. 7,30 Uhr europäischer Zeit erhielt ich einen Anruf von Sara Lennox: ‚Ika, ich habe Deinen Vater gefunden!‘
Am 24. Mai 1993 schickte ich den ersten Brief, Fotos von mir und meiner Mutter an meinen Vater
Am 25. Juni erhielt ich den ersten (vierseitenlangen) Brief (mit Fotos) von meinem Vater.
Am 21./22. August 1993 habe ich im Alter von 46 Jahren meinen nur 75jährigen Vater in Chicago besucht. (Er und seine Familie haben sich sehr aut nich gefreut. Ich habe noch zwei Schwestern und drei Brüder.
Ich habe mit Hilfe und Unterstützung von Sara Lennox nun alle mein Wurzeln gefunden, meine schwarze Familie, und ich nenne mich stolz-afro amerikanisch-deutsch Mein Empfinden und meinen Dank an Sara Lennox kann ich noch nicht in Worte fassen. Danke!
Ich bin unbeschreiblich glücklich!“


„Die Idee zu dem Buch entstand im Herbst 2014 in persönlichen Gesprächen mit einigen der Autor*innen, die, wie ich auch, als Kinder afroamerikanischer Soldaten und weißer deutscher Frauen in den Nachkriegsjahren in Deutschland zur Welt kamen. Uns fiel dabei auf, dass einerseits der Anteil, den diese Soldaten an der Befreiung Deutschlands vom Faschismus hatten, von der Geschichtsschreibung weitgehend vernachlässigt worden ist und andererseits die Rassismuserfahrungen, die Schwarze Menschen im Nachkriegsdeutschland machen mussten, in Vergessenheit zu geraten drohen. Gleichzeitig stellten wir fest, dass in aktuellen sozial-historischen Forschungsprojekten zur Nachkriegszeit ein oft sehr einseitiges Bild der ehemals sogenannten ‚farbigen Besatzungskinder‘ gezeichnet wird. Es war uns wichtig, aus Anlass des siebzigjährigen Kriegsendes im Jahr 2015, hier mit unserer eigenen Stimme zu sprechen.“
Ich habe dann entschieden, nach Nigeria zu fahren und meinen Vater zu suchen. Mein Freund ist mitgekommen. Wir sind bei der Familie angekommen, deren Adresse ich hatte. Mein Vater ist aus dem Norden gekommen. Ich habe gedacht: ‚Wie soll ich hier jemals meinen Vater finden?‘ Bei der Frau, bei der wir untergekommen sind, lag ein dickes Telefonbuch. Darin standen die Telefonnummern aus den verschiedenen Städten. Das Buch war total veraltet, aber ich habe trotzdem nachgeschaut. In Lagos habe ich tatsächlich jemanden mit dem Nachnamen meines Vaters gefunden und gedacht: ‚Vielleicht sind wir ja verwandt.‘ Also habe ich angerufen und auf Englisch meine Geschichte erzählt. Der Mann hat sofort gesagt: ‚Ja, ich komme vorbei.‘ Er hat Deutsch gesprochen, aber er ist nicht mein Vater gewesen. Er hat auch Kinder in Deutschland gehabt und in Hamburg studiert. Trotzdem hat er uns mitgenommen und uns seiner Frau vorgestellt. Die beiden haben auf Igbo miteinander gesprochen, und plötzlich hat seine Frau angefangen zu jubeln und hat mich in den Arm genommen. Sie hat meinen Vater gekannt und vor allem seine Schwester, meine Tante. Die hat sie sofort angerufen. Als ich meine Tante getroffen habe, habe ich zum ersten Mal eine Familienähnlichkeit gesehen: Sie hat dieselben Grübchen gehabt wie ich. Meine Tante hat dann bei meinem Vater angerufen. Sie hat mir erzählt, dass er schon lange sehr krank war. Das wusste ich vorher nicht. Wenn ich ihn noch lebend sehen wollte, musste ich also schnell hin. Dann habe ich meinen Vater getroffen. Er war ziemlich cool, schick angezogen, im Anzug, und ein kleiner Mann. Eine schwere Krebserkrankung hatte ihn sehr gezeichnet. Es war toll, ihn noch einmal getroffen zu haben. Im nächsten Jahr bin ich noch einmal hingefahren und habe ihn wieder gesehen. Die Familie war überrascht, aber es war nicht zu übersehen, dass ich dazugehöre. Ich sah ihnen sehr ähnlich, nur eine Nuance heller.