Rassismus ordnet und regelt den Alltag und das Zusammenleben von Menschen. Der Sprache kommt hierbei eine wichtige Funktion zu. Sprachvorgaben, -regeln und -verbote verhindern das Sprechen bestimmter nicht-deutscher Sprachen. Auch regelgemäßes Deutschsprechen schützt allerdings nicht davor, sprachlich als nicht-zugehörig und als Andere*r zu gelten.
Die Rapgruppe ‚Main Concept‘ thematisierte 1994 in ihrem Track ‚Zwischen zwei Stühlen‘ Fragen nach Zugehörigkeit und die Erfahrung, als Ausländer gesehen zu werden. Dabei verweisen sie auch darauf, dass auch wer den sprachlichen Regeln entsprechendes Deutsch spricht, nicht davor gefeit ist, als nicht-deutsch zu gelten Auch in weiteren der hier zusammen gestellten Spurenelemente und den Aussagen der von WueRD befragten Personen wird auf Zuschreibungen und Erfahrungen des Andersseins mit Bezug auf Sprache und des Sprechens verwiesen. Hakan Kaya schildert, dass ihm bereits in der Kita vermittelt wurde, er solle nur Deutsch sprechen, damit „etwas aus ihm werde“. Auch in Büchern von Fatma Aydemir und Emilia Smechowski geraten die Protagonist*innen in Situationen, in denen sie bereits früh lernen, dass es in der Öffentlichkeit unangebracht ist, bestimmte nicht-deutsche Sprachen zu sprechen. Es geht dabei um Sprachen, denen gesellschaftlich ein geringeres Maß an Anerkennung entgegengebracht wird – im Gegensatz zu Sprachen wie Englisch und Französisch, deren Gebrauch als wertvoll und deren Sprecher*innen als respektabel gelten. Menschen, deren Sprachen gesellschaftlich als wenig respektabel gelten, lernen, dass es in der Öffentlichkeit zum Teil vermieden werden sollte, etwa Türkisch oder Polnisch zu sprechen. Anders ist es oft in eher privaten Räumen, in denen diese Sprachen gesprochen werden. Dass es möglich ist, in privaten Räumen gesellschaftlich weniger respektierte Sprachen zu sprechen, macht diese Sprachen zu Sprachen einer familiären Intimität.
2020 berichtet die Zeitschrift ‚Der Spiegel‘ von einer Grundschülerin in Baden-Württemberg, die in der Pause Türkisch gesprochen hatte und daraufhin eine Strafarbeit schreiben musste. Die Eltern des Kindes hatten das erlebte Sprechverbot und die Bestrafung als nicht rechtmäßig eingeordnet und waren anschließend mit Hilfe ihres Anwalts Yalçın Tekinoğlu gegen das Handeln der Schule vorgegangen. Dieser Fall steht für die Erfahrungen vieler Schüler*innen. Die erteilte Strafarbeit stellt eine Kriminalisierung des Gebrauchs einer Sprache dar, die als unerwünscht gilt, aber auch der Schülerin, denn ihr wurde signalisiert: Du hast etwas falsch gemacht. Während in Schulen das eine Sprechen (Deutsch, Englisch) als normal dargestellt oder gelobt wird, soll das Sprechen migrantischer Sprachen abgelegt werden. Schüler*innen lernen durch solche Verbote, welches Handeln von ihnen verlangt wird, um möglichen Kriminalisierungen mit geringerer Wahrscheinlichkeit ausgesetzt zu sein. Anders als im Fall der Grundschülerin wird die Unrechtmäßigkeit und Ungerechtigkeit von Sprachverboten häufig nicht thematisiert oder erkannt, sondern Sprechverbote werden vielmehr als gerechtfertigt angesehen.
Im Song von ‚Main Concept‘ wird deutlich, dass auch, wenn Personen sich an diese zum Teil auch unausgeschriebenen Regeln halten, sie dennoch die Erfahrung machen, als sprachlich nicht zugehörig verstanden werden. Daniela Viloria führt im Gruppengespräch, das im Rahmen des WueRD-Projekts stattfand, aus, dass sie bislang nicht für ihr Deutschsprechen gelobt wurde. Sie erklärt, dass es um eine rassistische Zuschreibung handelt, wenn bestimmte Personen für ihr Deutsch gelobt werden. Wissen über Rassismus zeigt sich in Daniela Vilorias Bewusstsein darum, dass sie durchaus mit einer Art Kompliment zu rechnen hat, in dem enthalten ist, in den Augen (und Ohren) anderer eine Andere zu sein. Der Auszug aus dem Roman ‚Dschinns‘ von Fatma Aydemir macht sichtbar, wie solche Sprach- und Zugehörigkeitsnormen im Alltag präsent sind und auch zu Schamgefühlen führen können. Der Protagonist Ümit weiß um Abwertungen, die unter anderem mit dem Gebrauch der türkischen Sprache einhergehen, und versucht, diesen zu entgehen.
Sprache ist so etwas wie ein Marker, mit dem rassismuserfahrene Menschen, die in ihrem Alltag auch nicht-deutsche Sprachen nutzen, als problematisch oder weniger professionell eingeschätzt und als Andere dargestellt werden. Viele Menschen sprechen mehrere Sprachen, was nicht als Gewinn erkannt wird, sondern vielmehr abgewertet wird. Dagegen erfahren Sprecher*innen von Sprachen, denen Respekt entgegengebracht wird, häufig Anerkennung für ihr Sprechen. Darauf verweist auch Reza Asadi. Die Vorstellung, es gebe im schulischen, öffentlichen und beruflichen Rahmen nur eine richtige Sprache und nur bestimmte nützliche Sprachen, ist nicht neutral. Diese Sprachregel ist unter bestimmten Umständen Teil einer rassistischen Ordnung, die Menschen sortiert. Popkultur, literarische Werke und mehrere Interviews im Rahmen des Projekts WueRD zeigen, dass Sprachverbote und Regeln des Deutschsprechens Teil eines Normalzustands sind, der auch rassistische Aspekte aufweist. Personen, die von dieser Form der sprachlichen Diskriminierung, die auch Linguizismus genannt wird, betroffen sind, lernen, sich in ihr zu bewegen und häufig auch, sie zu kritisieren.