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Blickrichtungen umkehren

Kurz nach der Wende ging das dann los. Genau. Und das habe ich natürlich auch übers Fernsehen mitbekommen. Und ich hab’ mich immer gewundert damals. Weil die Leute gesagt haben ‚Oh Gott, oh Gott, Rassismus, das haben wir ja in in dieser Form – Wir sind total erstaunt und können das gar nicht verstehen, dass es Teile der Bevölkerung gibt‘“

Moritz im Interview mit dem WueRD-Projekt

Ähnlich wie die SED den Antisemitismus in der DDR leugnete, so leugnete sie auch den Rassismus. Wenn doch „Vorkommnisse“ dieser Art registriert werden mussten, dann wurden Täter als „kriminelle“ oder „asoziale“ Elemente bezeichnet, die durch den schädlichen Einfluss westlicher Medien oder Agenten dazu beeinflusst worden wären. Die Verleugnung und Verdrängung dieser Thematik reicht bis in die Gegenwart, wenn von Mitgliedern und Sympathisanten der Linkspartei immer wieder behauptet wird, in der DDR hätte es keinen Rassismus oder Antisemitismus gegeben, und die Erscheinungen der Gegenwart seien ausschließlich Folgen der politischen, sozialen und ökonomischen Veränderungen ab 1990. Wissenschaftliche oder journalistische Publikationen über rassistische Vorfälle waren in der DDR nicht vorhanden; das von der SED postulierte und konsequent durchgesetzte Publikations- und Forschungsverbot war äußerst wirksam.” 

Harry Waibel in seinem Artikel “Der gescheiterte Antifaschismus der SED – Antisemitismus,Rassismus und Neonazismus in der DDR” 2016 journal-exit.de
Torch und Arabella ca. 1996youtube.com

Torch in der Talkshow “Arabella” im Gespräch mit Arabella Kiesbauer, ca. 1996

Arabella:

Woran glaubst du kann das denn liegen, dass einfach diese Art von Rassismus immer noch so ausgeprägt ist?






Torch:

Ich bin halt der Meinung, fest der Meinung, das gehört einfach zur Kultur dazu. Dass man in Deutschland […], in Europa, dass die Kultur darauf basiert, sich selbst auch hochzuheben, in dem man halt andere runtermacht oder. Und da so ein Bild, ein Weltbild herzustellen.“

Torch bei Arabella ca. 1996

Welche Erfahrungen machst du damit, dass dein Körper von Anderen betrachtet wird und für sie für etwas steht?

Es war ja noch viel, viel, viel, viel gravierender als heute. Ich meine irgendwann ist mir dann ja klar geworden, alle Leute, die damals im Fernsehen waren – Du hast ja keine Menschen mit Kopftuch gesehen, du hast keine Schwarzen Menschen gesehen. Und wenn, war es dann so ein Roberto Blanco, der alle Klischees erfüllt hat. Das ist eine Katastrophe. Ansonsten haben uns eher alte weiße Männer die Welt erklärt. So, das verstehe ich im Nachhinein. Und, ich habe so, im Grunde genommen, wenn ich mal irgendwie einen BIPoC im Fernsehen gesehen habe, gedacht ‘Geil, endlich mal jemand, mit dem du dich identifizieren konntest.’ Bis du dann gemerkt hast, das ist eigentlich die klischeebeladene, Nebenrolle. Das ist dann halt der Schwarze, der das N-Wort in den Mund nimmt, der total klischeebeladen ist oder der Araber, der Drogen vertickt oder klaut. Aber die Hauptrolle, die haben wir nie gespielt in irgendeinem Film oder wie auch immer.”

Bassam im Interview mit dem WueRD-Projekt

„Was guckst du?“

Anleitung für einen medialen Antirassismus
Du kannst es nicht mehr sehen, wie beim Thema Zuwanderung deutsche JournalistInnen ihre Kameras schwenken. Wie sie mit der Linse über ein x-beliebiges Straßenbild schweifen und fast immer beim selben Motiv auf den Auslöser drücken: der kopftuchbedeck- ten Frau. Sie suggerieren: Das sind die archaischen Fremden. Die sie sich niemals von vorne zu filmen trauen. Wir lassen den Blick nicht auf uns richten. Wir richten den Blick.
Wenn du Kanak TV abgreifst, hast du es satt, im Guten wie im Bösen zum Fremden gestempelt zu werden. Wir entwerfen die längst überfälligen Gegenbilder.
Setzt Kanak TV überall ein. Kanak TV ist alltagserprobt. Dort, wo versucht wird, rassistische Hierarchien zu normalisieren. Auf dem Multi-Kulti-Fest genauso wie auf der Straße, auf einem Empfang, an den Grenzen oder sonst wo. Kanak TV und bricht in die No- Go-Zonen ein.
Kanak TV macht Spaß und ist nicht an Spezialwissen gebunden. Kanakas und Kanakos nehmen die Kameras selbst in die Hand.
Kanak TV weist jeden Versuch zurück, sich anglotzen, vermessen, in Kategorien pressen oder konsumieren zu lassen. Kanak TV geht nicht nur auf gleiche Augenhöhe, sondern höher, schneller und weiter.
Kanak TV ist keine Comedy. Kanak TV bringt dich wirklich zum Lachen.
Kanak TV ist Almanya-Blair-Witch-Projekt, nur dass man hier zum Fürchten das Licht andreht.
Kanak TV behandelt keine Themen, sondern benutzt sie. “Hey, Alemanno, wieso bleiben eure Frauen zu Hause, wenn ihr euch besauft. Kannst du bitte noch mal antworten, und schau in die Kamera.” Kanak TV hat sich verliebt in die Autorität von Kamera und Mikrofon.
Kanak TV stellt die Fragen und behält dabei das Heft in der Hand. Kanak TV antwortet nicht, solange die rassistischen Hierarchien in Kommunikation und Medien nicht abgeschafft sind.
Kanak TV dreht die Fragen um, die dir schon längst zum Hals heraus hängen, richtet die Fragen an diejenigen, die sie sonst stellen: “Wo kommt ihr her? Wann geht ihr wieder zurück. Warum schottet ihr euch hier so ab, in eurem weißen Ghetto?”
Kanak TV entlarvt nicht nur den medialen Blick als Macht. Kanak TV setzt den Macht-Blick ein, um jegliche Machtbeziehungen zurückzuweisen. Kanak TV ist Selbstermächtigung.
Kanak TV ist geil!
Kanak Attak Köln, Miltiadis Oulios

Kanak Attak – “Was guckst du?” zu Beginn der 2000er Jahre kanak-attak.de
Kanak Attak – "Weißes Ghetto" zu Beginn der 2000er Jahreyoutube.com

„Kanak TV – Migrantische Selbstermächtigung
oder Warum Kanak TV politisch ist

Kanak TV agiert dort, wo rassistische Hierarchien zur Norm erklärt werden. Wir weisen jeden Versuch entschieden zurück, Migranten anzuglotzen, zu vermessen und in Kategorien zu pressen. Statt dessen richten wir den Blick auf Alemannen, die es für selbstverständlich halten, andere zu prüfen, zu fragen, und in ihrem Blick zu verkleinern.

Als wachsamer Begleiter des Alltags verstört Kanak TV gewohnte Sichtweisen und liebgewonnene Rezeptionsmuster. Kanak TV verbreitet Unbehagen unter den Selbstgerechten. Bei Kanak TV gibt es weder ein befreiendes Lachen noch ein solidarisches Mitgefühl. Trotz allem bringt Kanak TV Menschen zum Lachen. Und je deutscher und selbstgefälliger das Publikum, desto tiefer bleibt ihnen das Lachen im Halse stecken.

Wir, Kanaken, produzieren die längst überfälligen Gegenbilder zu den ewig gleichbleibenden Bildern von Migranten. Wir konterkarieren die Bilder von den kriminellen Ghetto-Kanaken, schwitzenden Döner-Kanaken oder stummen Kanakinnen mit Kopftuch, die symbolisch für Rückständigkeit und Unterdrückung stehen.

Kanak TV ist die Umkehrung des rassistischen Blicks. Aber wir wollen nicht nur den rassistischen Blick und die festgelegten Bilder im Kopf zu Tage bringen. Unser Fokus richtet sich auch darauf, wie Bilder gemacht, manipuliert und eingesetzt werden. Kanak TV entlarvt den medialen Blick als Macht, indem es sich dieses Macht-Blickes bedient. So soll das Machtverhältnis in Frage gestellt, zurückgewiesen und ihm entgegengewirkt werden.

Wir zitieren und entblößen den Rassismus als soziales Verhältnis, als ein Konstrukt, das bestimmte gesellschaftliche Hierarchien herstellt und perpetuiert und dabei bestimmte Gruppen von Menschen marginalisiert und sie in dieser Position hält. Hier ist unser Interventionsfeld. Aus der stumm und gesichtslos gemachten Masse tauchen plötzlich handlungsfähige und handelnde Subjekte auf.

Wir lassen den Blick nicht länger auf uns richten – wir richten den Blick. Kanak TV ist migrantische Selbstermächtigung.

Kanak Attak Köln

Kanak Attak Kanak TV – “Migrantische Selbstermächtigung oder Warum Kanak TV politisch ist” kanak-attak.de