Seit 2020 zeigt sich ein Anstieg der Thematisierung und Auseinandersetzung mit Weißsein. Durch diesen Blick wird deutlich, wie Menschen als Norm verstanden werden und sich selbst verstehen lernen. Die gewachsene Aufmerksamkeit wurde durch vielfältige aktuelle und historische Kämpfe und Analysen möglich.
Rassismus wird oft mit Blick auf Personen betrachtet, die Rassismus erleben. Durch das rassistische System lernen sich weiße Menschen als Norm zu verstehen, was aus diesem Grund ebenso beleuchtet werden sollte. Eine Fokussierung der Normposition ermöglicht, Rassismus umfassender in seinen Wirkungen und Bedingungen zu erfassen. Eine Perspektive, aus der dies geschieht, ist Critical Whiteness bzw. Kritisches Weißsein. Diese Perspektive wurde als Analyse- und Forschungsperspektive insbesondere im angelsächsischen Raum geprägt und bezieht sich u. a. auf historische Ausarbeitungen von etwa W.E.B. Du Bois und Frantz Fanon. Die beiden Wissenschaftler haben im frühen und mittleren 20. Jahrhundert herausgestellt, wie Weißsein als Norm produziert wird. Dieses gesellschaftliche Verhältnis hat einen Einfluss darauf, ob Menschen sich als Norm oder Andere verstehen lernen und auch, ob und wie sie Rassismus erkennen. Dies zeigt auch der Auszug aus einem vom WueRD-Projekt geführten Interview. Dort spricht Daniela von Deutschen und Ausländern, die unterschiedliche Verständnisse für Rassismus aufbringen. In den 1990er Jahren wurde vielfach von ‚Deutschen‘ und ‚Ausländern‘ gesprochen. Damit wurde sprachlich hervorgehoben, wer nicht als Deutsch galt und gelten durfte. Die Aussage der Befragten zeigt auf, wie solche Bezeichnungen auf Selbstverständnisse wirken und einen sich selbst als ‚Ausländer‘ verstehen lassen. Ihre Ausführungen weisen drauf hin, dass weiße Menschen es oft nicht nachvollziehen können, wenn von Rassismus berichtet wird. Ein gemeinsames Sprechen über Rassismus wird erschwert, wenn Wissen darüber fehlt, wie Rassismus auf alle Menschen wirkt. Dass ein solches Verständnis möglich ist und weiße Menschen sich Wissen über Rassismus aneignen können, wird durch das Interview mit Noah deutlich. Er verweist darauf, dass er mit weißen Freund*innen über rassistische Äußerungen spricht. An anderen Stellen geht er darauf ein, dass dies aber nicht immer und mit allen Menschen möglich ist und er entsprechend auch schon soziale Kontakte abgebrochen hat, in denen er sich nicht verstanden und sicher fühlte, weil ihm Ignoranz entgegengebracht wurde.
In ihrem Beitrag im Buch ‚Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland‘ stellt Peggy Piesche heraus, dass der kritische Blick auf Weißsein im Rahmen Schwarzer Hegemonialkritik entstanden ist. Sie führt aus, dass diese Perspektive dazu beiträgt, gesellschaftliche Normalitätsverständnisse zu durchbrechen. Das Buch wurde erstmals 2005 von Maisha Auma (zuvor Eggers), Grada Kilomba, Peggy Piesche und Susan Arndt herausgegeben. Es versammelt eine Vielzahl von Stimmen, die sich mit Weißsein beschäftigen, etwa auch von Dagmar Schultz. Sie beleuchtet u. a. bereits 1981 im Artikel ‚Dem Rassismus in sich begegnen‘ die Bedeutung von Weißsein für das Nichtverstehen von Rassismus.
Wissenschaftlich gibt es keinen Konsens mit Blick auf die Bezeichnungspraxis des Weißseins und auch Kritik an der Verwendung. Jede Benennung wirft ‚andere‘ Positionen auf und kann damit Kategorisierungen verfestigen, die sie eigentlich kritisch adressieren will. Kritiker*innen des Konzepts stellen heraus, dass die Bezeichnungspraxis in einer verkürzten Lesart also implizieren kann, dass Personen per se unterschiedlich seien und nicht erst durch Rassismus als ‚Norm‘ oder ‚Andere‘ gelten.
‚Weißsein‘ wird in der Auseinandersetzung mit Rassismus zunehmend als solches benannt, worin ein Potential liegt, da die im Rassismus produzierte Normposition auf diese Weise markiert und sichtbar gemacht wird. Nach der rassistischen Ermordung von neun Menschen in Hanau sowie den globalen Black Lives Matter-Protesten im Jahr 2020 lässt sich ein Anstieg von Critical Whitenes-Workshops ausmachen, die sich an weiße Menschen richten. Auch Sachbücher wie ‚Deutschland Schwarz Weiß‘ von Noah Sow oder ‚Exit Racism‘ von Tupoka Ogette, jeweils erstmals 2008 und 2017 erschienen, wurden 2020 zu Bestsellern. 2023 hat Jule Bönkost ein reflexiv angelegtes Buch zum Kritischem Weißsein veröffentlicht. Sie bietet zudem Critical Whiteness-Workshops an. Auf ihrer Internetseite ‚Diskriminierungskritische Bildung‘ kann auf vielfältige Reflexions- und Arbeitsdokumente zugegriffen werden, die sich an weiße Menschen richten, die Rassismus und (ihr) Weißsein besser verstehen möchten.