zurück

Sichere Räume in unsicheren Verhältnissen

Meine Mutter ist mit einem Kubaner verheiratet gewesen, der auch immer wieder von rassistischen Beleidigungen und Übergriffen erzählt hat. Über die Wohnheime und über Querverbindungen gab es Austausch. Der Mann meiner Mutter war Musiker, er kannte dann viele andere Musiker auch. Und es waren natürlich dann auch Leute aus anderen Ländern, die sich dann zu Musikgruppen zusammengeschlossen haben. In einer Band war dann einer aus Angola, einer aus Brasilien. Ganz, ganz verschiedene. Und darüber, über diese Leute hat man dann viel erfahren, was da los war in den Heimen, wie die Vietnamesen gejagt wurden, wie Mosambikaner gejagt wurden, wie gerade auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen tatsächlich wirklich Jagd auf diese, auf diese Leute gemacht wurde.

Obum Müller im Interview mit dem WueRD-Projekt

„Die Zimmer waren zweckmäßig möbliert. Jeder Vertragsarbeiter*in bekam ein Bett, einen Nachttisch, einen Stuhl, einen Schrank, einen Satz Geschirr, Besteck, Handtücher und Bettwäsche. Im Zimmer gab es zudem einen Tisch, der gemeinsam genutzt werden musste. Toiletten, Dusche und Küche waren in der Regel für eine Wohnung oder eine Etage gemeinsam zu nutzen. Die Vertragsarbeiter*innen lebten jahrelang ununterbrochen ohne Privatsphäre.“

Beschreibung von Wohnheimen für Vertragsarbeitende von 99% Urban aus dem Jahr 2024, 99prozenturban.de
Eine Gruppe von Vertragsarbeitenden im Gemeinschaftsraum des Arbeiterwohnheims des VEB Deutsche Reichsbahn Dresden im Jahr 1989. Aus dem DOMiD-Archiv, Köln, E 0387,0028. Hinweis vom DOMiD: DOMiD hat sich Mühe gegeben, alle Personen auf dem Bild ausfindig zu machen. Dies war leider nicht möglich. Erkennen Sie sich selbst und/oder ihnen bekannte Personen? Melden Sie sich bei DOMiD und geben Sie den abgebildeten Personen ihre Geschichte zurück.

„Am 10. August 1975 jagten bis zu 300 DDR-Bürger*innen algerische Vertragsarbeiter durch die Erfurter Innenstadt und verletzten einige schwer. 50 Jahre später erinnerten Betroffene und Erfurter*innen an die Ereignisse. In der Öffentlichkeit spielt die Auseinandersetzung mit rassistischer Gewalt in der DDR weiterhin kaum eine Rolle.“

Vera Ohlendorf 2025 in einem Beitrag, amadeu-antonio-stiftung.de

„Hamdane Abboud rennt. Anderthalb Kilometer sind es vom Domplatz zum Hauptbahnhof, und am Bahnhof ist ein Café. Das kennt er, dort rennt er hin. 20 Minuten braucht man für die Strecke, wenn man langsam läuft. Damals verschwimmen ihm Zeit und Umgebung. An eines erinnert er sich sicher: wie er verfolgt wird von immer wieder anderen Männern.“

Daniel Schulz, Anne Fromm und Jan Daniel Schubert über Gespräche mit in Erfurt angegriffenen Personen 50 Jahre nach der Tat in der taz, 2025 [Hyperlink] taz.de
Pogrom in Erfurt 1975, www.taz.de

Welche Räume und Orte sind für dich unsicher?

„Aus etwa 2.000 unveröffentlichten Archivmaterialien belege ich insgesamt über 8.600 neonazistische, rassistische und antisemitische Propaganda- und Gewalttaten, wobei der Anteil antisemitischer Angriffe bei ca. 900 liegt und ca. 145 Vorfälle betreffen Schändungen jüdischer Friedhöfe und Gräber. Es gab über 700 rassistische Angriffe mit mindestens 12 Toten und tausenden verletzten Kinder, Frauen und Männer aus über 30 Ländern. Afrikaner, Muslime, Kubaner, Asiaten und Europäer wurden so Opfer rassistischer Angriffe und mit den meisten Herkunftsländern hatte die DDR offiziell, unter dem Gesichtspunkt eines ‚proletarischen Internationalismus‘, hervorgehobene politische Beziehungen.“

Harry Waibel 2016 in seinem Artikel „Der gescheiterte Antifaschismus der SED – Antisemitismus“ journal-exit.de und Neonazismus in der DDR

„Im Februar 2023 lud ein Kollektiv eine Hand voll Künstler*innen in einen leerstehenden Gebäudekomplex in Berlin-Hohenschönhausen, um dort Interventionen zu entwickeln. Zu diesem Zeitpunkt waren die Gebäude, die in den 1980er Jahren in der DDR als Vertragsarbeiterheim gebaut worden waren, bereits entkernt. Die eingeladenen Künstler*innen reagierten mit Skulpturen, Foto- und Filmarbeiten und ortsspezifischen Installationen auf die gehaltvolle Geschichte der auch nach der Wende als Wohnheim genutzten Gebäude. Jan Dubský und Herkusho recherchierten zur Geschichte der Häuser und teilten diese mit den Besucher*innen.“

Jan Dubský und Herkusho mit Anna-Lena Wenzel über künstlerische Interventionen in einem ehemaligen Vertragsarbeiterheim in Berlin auf der Internetseite von 99% Urban im Jahr 2024 — 99prozenturban.de
Ehemaliges Wohnheim für Vetragsarbeiter*innen in der Gehrenseestraße in Berlin, 99% Urban, 2024

„‚Nicht gern gesehen‘ – eigentlich gar nicht gesehen und besprochen. Denn so real eine Schwarze DDR-Bevölkerung auch war und so virulent antirassistische Kämpfe im Ausland gefeiert wurden, so wenig wurden beide im Alltag der DDR zusammengebracht. Es fehlte ein gelebter Antirassismus in Praxis und Sprache.“

Katharina Warda im Beitrag „Ostdeutsche of Color. Schwarze Geschichte(n) der DDR und Erfahrungen nach der deutschen Einheit“ mit Patrice G. Poutrus in APuZ 12/2022 bpb.de

„Sogenannte Vertragsarbeiter*innen wurden von der Mehrheitsgesellschaft isoliert und eingeteilt nach Herkunftsländern und Geschlechtern in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Mein Vater und viele der früheren kubanischen Vertragsarbeitenden berichteten mir häufig von ihrem Leben, ihrer Freizeit, ihrer Arbeit und ihrem Wohnen in der DDR. Ich war nicht selten schockiert darüber, wie stark diese Lebensbereiche reglementiert und kontrolliert wurden. Besuche in den Wohnheimen wurden zeitlich eingeschränkt und detailgenau dokumentiert.“

Lydia Lierke, Jessica Massochua und Cynthia Zimmermann 2020 in ihrem Text „Ossis of Color. Vom Erzählen (p)ost-migrantischer Geschichten“ aus dem Buch „Erinnern stören – Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive“, erschienen im Verbrecher Verlag; einige Texte sind bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung digital aufrufbar, rosalux.de