Im Jahr 1991, kurz nach dem Ende der DDR, trat das Staatssicherheitsdienst-Unterlagen-Gesetz (StUG) in Kraft. Dadurch konnte die während der DDR-Zeit erfolgte Überwachung und Kontrolle von Menschen durch die Staatssicherheit (Stasi) nachvollzogen werden. Es zeigt sich jedoch, dass die Stasi-Akten nicht alles wiedergeben, was im DDR-Alltag eine unterdrückende Wirkung hatte. Rassismus, der die Kontrolle und die Überwachung für die davon betroffenen noch verschärfte, wird in vielen Akten nicht aufgeführt oder nicht als Rassismus benannt.
In der DDR war es häufig nicht möglich, Rassismus kritisch anzusprechen, weil es nach dem offiziellen Selbstverständnis des Landes beziehungsweise seiner Regierung Rassismus nicht gab, sondern allein als ein Problem kapitalistischer Länder bezeichnet wurde. In vielen Fällen wurde Rassismus nicht als solcher erfasst, obwohl viele Menschen rassistische Ausgrenzung und Gewalt erlebten. Es fehlten Räume und oft auch Gesprächspartner*innen, um Rassismus als gesellschaftliche Realität zu erkennen, zu benennen und zu kritisieren. Obum Müller, der im Rahmen des WueRD-Projekts interviewt wurde, hat dem Projekt Unterlagen zur Verfügung gestellt, darunter auch Staatsicherheits-Akten über seine Familie. Im Gespräch berichtet er, dass seiner Mutter eine Ausreise unter anderem deshalb nicht gestattet wurde, weil ein Bekannter Berichte über sie an die Staatssicherheit weitergegeben hatte. Obum Müller war die Ausreise durch eine Eheschließung möglich. Strikte Vorgaben des Alltags, etwa über Hausordnungen in Mietwohnungen, konnten in einer besonderen Weise der Kontrolle für Personen bedeutsam sein, die Rassismuserfahrungen machen. So verweisen Irene Quintana und Edson Faria in einem Gespräch im Rahmen von WueRD auf die unverhältnismäßige Kontrolle durch Nachbar*innen hin. Edson Faria erlebte, dass diese teilweise mit einem Lineal nachprüften, ob der Rasen von Edson Faria auf die richtige Höhe gekürzt wurde. Soziale Kontrolle in der DDR wirkte als Alltagspraxis auf alle Menschen. Gleichzeitig konnten rassistische Zuschreibungen, so zeigen Irene Quintanas und Edson Farias Schilderungen, diese Kontrolle im nachbarschaftlichen Umfeld verstärkt haben, etwa durch einen besonderen Blick weißer Personen auf rassistisch diskriminierbare Nachbar*innen.
Antirassismus und antiimperialistische Solidarität waren wichtige Bestandteile des offiziellen Selbstverständnisses der DDR. In der DDR war es häufig nicht möglich, Rassismus kritisch anzusprechen, weil es dem politisch verordneten antirassistischen Selbstverständnis nach Rassismus nicht gab. Rassismus wurde als Problem anderer, kapitalistischer Länder und entsprechend nicht als gegenwärtiges gesellschaftliches Problem der DDR verstanden. In vielen Fällen wurde Rassismus daher in der Presse wie den politischen Verlautbarungen, von der Polizei, aber auch im Alltagsgespräch nicht als Rassismus erfasst, obwohl viele Menschen rassistische Ausgrenzung und Gewalt erlebten. Es fehlten Räume und oft auch Gesprächspartner*innen, um, so die Interviewpartner*innen, Rassismus als gesellschaftliche Realität zu erkennen, zu benennen und zu kritisieren.
Dennoch fanden Menschen Wege der Solidarität und der Selbstorganisation, etwa über kirchlich organisierte sogenannte interkulturelle Begegnungen. Auch gab es Vernetzungen und Bündnisse zwischen sogenannten Vertragsarbeiter*innen, die sich beispielsweise über notwendige Schutzmaßnahmen austauschten und damit wechselseitig unterstützen (siehe die Spur ‚Sichere Räume in unsicheren Verhältnissen‘). Wissen über Rassismus in der DDR wurde daher eher mündlich als erzählte Geschichte und Erfahrung vermittelt und nur teilweise auch als dokumentierte Geschichte von Kontrolle und Gewalt. Großteils war das Thema des Rassismus in der DDR jedoch geprägt von gesellschaftlicher Verleugnung und Verneinung – eine Geschichte des (Ver-)Schweigens.
Dieses (Ver-)Schweigen erschwerte es auch für rassismuserfahrene Personen, Rassismus als Rassismus zu erkennen, den eigenen Erfahrungen zu vertrauen und eine Sprache für diese Erfahrungen zu finden, die es auch möglich macht die gesellschaftlichen Bedingungen dieser Erfahrungen zu problematisieren. Die im Rahmen von WueRD interviewten Personen berichten häufig davon, lange Zeit mit den eigenen Erfahrungen rassistischer Geringschätzung und Gewalt alleine gewesen zu sein und davon, dass sie sich Wissen über Rassismus erst im Laufe des Lebens im Austausch mit anderen rassismuserfahrenen Personen angeeigneten und so ihre Erfahrungen nicht allein als individuelle Erfahrungen begreifen lernen konnten.