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Solidarität

Vielleicht war es diese Lichterkette wirklich von München bis Hamburg durch ganz Deutschland. Und das hat mir Kraft gegeben. Ich weiß, dass ich da echt mit den Menschen stand und dachte: ‚Boah, wie toll. Ganz Deutschland will eben nicht, dass wir tot sind.‘

Ayla Keser im Interview mit dem WueRD-Projekt

Dann hattest du das Gefühl, ‚Wieso verschärft ihr jetzt das Asylrecht?‘ Weißt du, damals wurde die Politik von den Faschos auch vor sich hergetrieben, was ja heute auch genauso passiert. Und das haben wir ja damals auch schon geschnallt. ‚Ey, was ist denn da los? Ihr verschärft jetzt das Asylrecht?‘ Der Helmut Kohl fährt nicht mal nach Solingen. So, das haben wir ja mitbekommen. Wo ich mir denke ‚Hättest du das auch gemacht, wenn halt weiße Deutsche umgekommen wären? Ich glaube das nicht, dass du dir das erlaubt hättest.‘ Und das haben wir mitbekommen. Und dann war klar für uns ‚Ey, da sind Menschen umgekommen, da werden Menschen verbrannt, die auch wir hätten sein können. Die unsere Geschwister, unsere Familien hätten sein können.‘

Bassam Haddad im Interview mit dem WueRD-Projekt
Aufruf zur Teilnahme an den Friedensgebeten der evangelischen Kirche als Protest gegen die im Jahr 1992 unter dem Motto ‚Zündet Kerzen an und keine Häuser‘, CC BY-SA 4.0
Demonstration ‚gegen Ausländerfeindlichkeit‘ in Freiburg im Breisgau 1992, Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg W 140 Nr. 09011 / Fotograf: Marlis Decker, CC BY-SA 4.0

Wie sieht Solidarität für dich mit Blick auf Rassismus (nicht) aus?

„Auf Fragen von Journalisten, wieso nicht der Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl zu den Trauerfeierlichkeiten nach Hamburg und Mölln fährt, erklärte der Sprecher der Bundesregierung Dieter Vogel, daß dies nicht möglich sei, da der Bundeskanzler wichtige Termine habe und die Bundesregierung nicht ‚in einen Beileidstourismus ausfallen‘ wolle (Frankfurter Rundschau, 28. November 1992)“

Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe der PDS/Linke Liste, Betreff: Der Sprecher der Bundesregierung und der „Beileidstourismus” vom 01.12.1992, Drucksache 12/3926

„In der Bundesrepublik dürfen Betroffenheit und Scham nicht mehr die alleinigen Reaktionen der Politiker bleiben. Ausländer sind nicht die Schwächeren in der deutschen Gesellschaft, sondern deren fester Bestandteil. Der erste Anschlag mit Todesfolge ereignete sich bereits im Oktober 1991 in Berlin, als Skinheads einen türkischen Jungen überfielen. Doch erst nach Mölln kam öffentliches Bewußtsein auf. Auf politischer Ebene hat man sich von den zahlreichen Lichterketten, so begrüßenswert sie gewesen sind, täuschen lassen. Massendemonstrationen, allein in Essen am 1. Januar 1993 mit mehr als 350 000 Teilnehmern, hatten Alibifunktion, waren Lückenbüßer für Tatenlosigkeit in der Ausländerpolitik. Handlungsbedarf besteht und wird zunehmend dringlicher.“

Faruk Şen: „Schleichender Rassismus ist bedrohlicher als Rechtsradikale“ 1993 in FORUM: Deutschland nach Solingen, library.fes.de

„Nein, Herrschaften, Ihre vorgetäuschte Trauer, Ihre Krokodilstränen und Ihr Mitleid brauchen wir nicht! Wir sind auch nicht Ihre Mitbürger! Wie sollten wirs auch sein? Sind Sie es nicht, die uns seit Jahrzehnten die einfachsten Bürgerrechte verweigern? […] Lassen wir sie allein in ihren Lichterketten! Erheben wir unsere Stimme gegen diese Politik, die gegen uns alle gerichtet ist! Verwandeln wir die Schweigemärsche zu Protestmärschen, wo wir unsere Forderungen nach einem gleichberechtigten Zusammenleben von Deuschen und Ausländern auf die Straße tragen“

aus einem Beitrag der Föderation demokratischer Arbeitervereine DIDF 1993 mit dem Titel „Unsere Wut übertrifft unsere Trauer!“ Zitiert aus Fabian Virchow (2023): „Wir hatten dann wirklich die Nase voll.“ Proteste gegen die rassistische Gewalt im Anschluss an die Morde in Solingen. In: Birgül Demirtaş/Adelheid Schmitz/Derya Gür-Şeker/Çağri Kahveci (Hrsg.) Solingen, 30 Jahre nach dem Brandanschlag. Bielefeld: transcript, S. 235-244.
An das DOMiD übergebene Briefe der Familie Arslan, die ihnen nach dem Anschlag auf ihre Familie 1992 geschrieben wurden und von denen sie erst 2019 erfuhren. Aus dem DOMiD-Archiv, Köln, 0108
Filmplakat “Die Möllner Briefe” 2025
Trailer des Films "Die Möllner Briefe“,youtube.com

“Im November 1992 zerstörte der rassistische Brandanschlag von Mölln die Leben von İbrahim Arslan und seiner Familie. Der damals siebenjährige İbrahim überlebte, verlor aber seine Schwester, seine Cousine und seine Großmutter. Die Stadt Mölln erhielt Hunderte Briefe mit Solidaritätsbekundungen, von denen aber fast drei Jahrzehnte niemand Notiz nahm. Der Film folgt İbrahim bei der Entdeckung dieser Briefe und bei der Begegnung mit drei ihrer Verfasser*innen. Zugleich zeichnet er ein komplexes Porträt des anhaltenden Traumas, das İbrahim und seine Geschwister bis heute beeinträchtigt. İbrahim hat einen Umgang mit den Geschehnissen gefunden, indem er aktiv gegen Rassismus kämpft und sich für eine Erinnerungskultur einsetzt, die die Opfer ins Zentrum stellt. Sein Bruder Namik hingegen befindet sich noch am Anfang seines Wegs der Bewältigung.
Der Film beleuchtet nicht nur die Erfahrungen der Überlebenden, er deckt auch die große Solidarität auf, die es damals gab – eine Solidarität, von der die Opfer bis zu diesem Zeitpunkt nichts wussten. Er schlägt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart und nimmt eine Perspektive des Erinnerns ein, die den Stimmen der Betroffenen den Raum und die Anerkennung gibt, die sie verdienen.“

Zusammenfassung des Films “Die Möllner Briefe” —  realfictionfilme.de