zurück

„Mein Name ist Ausländer“

Also es war natürlich internationaler, aber es war trotzdem eigentlich, ich glaube, es gab halt Gastarbeiter, also Vertragsarbeiter hießen die in der DDR. Da gab es welche aus diesen eher so sozialistisch geprägten afrikanischen und asiatischen Ländern wie aus Vietnam, aus Angola, aus Mosambik, aus Kuba. So, das waren, glaube ich so die Hauptländer von mit Menschen, die total anders aussahen als der Durchschnitt hier. Eigentlich wurde den versprochen, die machen hier eine Ausbildung und kommen dann als qualifizierte Facharbeiterinnen und Facharbeiter zurück in ihre Heimatländer. Aber eigentlich wurden die auch als Arbeitskräfte, einfach eingesetzt. Also eine Ausbildung wurde relativ selten ermöglicht. Gab es bestimmt auch, aber eigentlich wurden die im Fleischkombinat in Eberswalde oder so eingesetzt. Man brauchte Arbeitskräfte, man hatte nicht genug Arbeitskräfte und dann hat man diese geholt.”

Naema im Interview mit dem WueRD-Projekt

Semra Ertan – Mein Name ist Ausländer (1981)

Mein Name ist Ausländer,
Ich arbeite hier,
Ich weiß, wie ich arbeite,
Ob die Deutschen es auch wissen?
Meine Arbeit ist schwer,
Meine Arbeit ist schmutzig.
Das gefällt mir nicht, sage ich.
„Wenn dir die Arbeit nicht gefällt,
geh in deine Heimat“, sagen sie.
Meine Arbeit ist schwer,
Meine Arbeit ist schmutzig,
Mein Lohn ist niedrig.
Auch ich zahle Steuern, sage ich.
Ich werde es immer wieder sagen,
Wenn ich immer wieder hören muss:
„Suche dir eine andere Arbeit.“
Aber die Schuld liegt nicht bei den Deutschen,
liegt nicht bei den Türken.
Die Türkei braucht Devisen,
Deutschland braucht Arbeitskräfte.
Mein Land hat uns nach Deutschland verkauft,
Wie Stiefkinder,
Wie unbrauchbare Menschen.
Aber dennoch braucht sie Devisen,
Braucht sie Ruhe.
Mein Land hat mich nach Deutschland verkauft.
Mein Name ist AUSLÄNDER.

Semra Ertan: Mein Name ist Ausländer, 1981
Semra Ertan: Mein Name ist Ausländer | Benim Adım Yabancı, Erstauflage 2020, herausgegeben von Zühal Bilir-Meier und Cana Bilir-Meier
Film "Semra Ertan" von Cana Bilir-Meier, 2013vimeo.com

Die Idee eines temporären und ge-brauchenden Einschlusses in Form einer kontrollierten und strategischen Migrations- und Arbeitsmarktpolitik konnte jedoch nicht ohne Widerstände umgesetzt werden: »Die Anderen« ließen sich nicht einfach »holen und austauschen«. Sie haben das Projekt Gastarbeit trotz seiner ge-brauchenden und unterwerfenden Struktur mit einem breiten Spektrum eigensinniger und widerständiger Praktiken gestaltet und keineswegs als passive Objekte erduldet. Nicht nur historische Quellen und Zeitzeugnisse, auch macht- und rassismustheoretische Zugänge verdeutlichen, dass Gastarbeit zu keinem Zeitpunkt die vollständige Inbesitznahme von Menschen bedeutet hat, sondern als widersprüchliches und umkämpftes Phänomen zu denken ist.

Veronika Kourabas 2022 in der ak, akweb.de

Für wen ist der Arbeitsplatz ein (un-)sicherer Ort?

“Am 26. Mai 1982 hat sich Semra Ertan, 25-jährig, an der Kreuzung Simon-von-Utrecht-Straße/Detlef-Bremer-Straße in St. Pauli selbst in Brand gesetzt und ist als Ausdruck, also als Folge und als politisches Zeichen von zweierlei aus dem Leben verbrannt: erstens der rassistischen Realität, die Ausländer macht und zweitens der gesellschaftlichen Ignoranz gegenüber dem Not und dem Leid und der Ausweglosigkeit, das diese Realität ist. […] Semra, wir hätten Dich gerne gehört”

Paul Mecheril bei seiner Lesung “Ach, Rassismus” beim DFH-Festival 2025 in Bielefeld

„Ich möchte, dass Ausländer nicht nur das Recht haben, wie Menschen zu leben, sondern auch das Recht haben, wie Menschen behandelt zu werden. Das ist alles. Ich will, dass die Menschen sich lieben und akzeptieren. Und ich will, dass sie über meinen Tod nachdenken.“

Worte Semra Ertans vor ihrem Tod an ZDF/NDR, deutschlandfunkkultur.de

Viele der Personen, die zwischen den 1960er und 1980er Jahren in die DDR kamen, kamen mit der Hoffnung auf gute Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Oft wurden diese Menschen jedoch einfach als billige Arbeitskräfte für den Staat genutzt

Motivserie „Migrationsgeschichte in Bildern” zum Thema „Vertragsarbeiter“ in der DDR des DOMiD, domid.org
Reaktion eines Lokführers auf rassistische Parolen,youtube.com