
„Die Idee eines temporären und ge-brauchenden Einschlusses in Form einer kontrollierten und strategischen Migrations- und Arbeitsmarktpolitik konnte jedoch nicht ohne Widerstände umgesetzt werden: ‚Die Anderen‘ ließen sich nicht einfach ‚holen und austauschen‘. Sie haben das Projekt Gastarbeit trotz seiner ge-brauchenden und unterwerfenden Struktur mit einem breiten Spektrum eigensinniger und widerständiger Praktiken gestaltet und keineswegs als passive Objekte erduldet. Nicht nur historische Quellen und Zeitzeugnisse, auch macht- und rassismustheoretische Zugänge verdeutlichen, dass Gastarbeit zu keinem Zeitpunkt die vollständige Inbesitznahme von Menschen bedeutet hat, sondern als widersprüchliches und umkämpftes Phänomen zu denken ist.“
Viele der Personen, die zwischen den 1960er und 1980er Jahren in die DDR kamen, kamen mit der Hoffnung auf gute Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Oft wurden diese Menschen jedoch einfach als billige Arbeitskräfte für den Staat genutzt.
Also es war natürlich internationaler. Es gab halt Vertragsarbeiter, so hießen die in der DDR. Da gab es welche aus diesen eher so sozialistisch geprägten afrikanischen und asiatischen Ländern wie aus Vietnam, aus Angola, aus Mosambik, aus Kuba. So, das waren, glaube ich so die Hauptländer von mit Menschen, die total anders aussahen als der Durchschnitt hier. Eigentlich wurde den versprochen, die machen hier eine Ausbildung und kommen dann als qualifizierte Facharbeiterinnen und Facharbeiter zurück in ihre Heimatländer. Aber eigentlich wurden die auch als Arbeitskräfte einfach eingesetzt. Also eine Ausbildung wurde relativ selten ermöglicht. Gab es bestimmt auch, aber eigentlich wurden die im Fleischkombinat in Eberswalde oder so eingesetzt. Man brauchte Arbeitskräfte, man hatte nicht genug Arbeitskräfte und dann hat man diese geholt.
Mein Vater hat sehr, sehr viel gearbeitet. Er hat in den Firmen gearbeitet und hat als Taxifahrer noch nebenher gearbeitet immer. So dass wir ihn kaum gesehen haben eigentlich. Also da alleine schon dieses sehr fleißig sein. Fleiß und Tugendhaftigkeit und Gewissenhaftigkeit, dass man nie krank ist und auch wenn man krank ist zur Arbeit geht und wo weiter.
„Die Vorurteile über Migranten stecken in uns allen, weil es eine rassistische Gesellschaft ist, in der wir leben. Sie stecken auch in uns Migranten selbst. In denen, die besonders fleißig und rechtschaffen sind, manchmal sogar am stärksten. Ich verstehe den Drang meines Vaters, sich abgrenzen zu wollen von den ‚anderen‘ Ausländern. Zeigen zu wollen, dass er ein ‚Guter‘ ist. Ich verstehe es. Und es bricht mir zugleich das Herz. Wie damals nach dem Anschlag, als der Oberbürgermeister von Hanau uns besuchte, um sein Beileid zu bekunden, und Baba ihn aufforderte, sich von seinem Arbeitgeber bestätigen zu lassen, dass er 40 Jahre lang verlässlich gearbeitet hat und das mit so gut wie keinen Krankheitstagen! Wie er ihm erklärte, dass auch die Nachbarn bestätigen könnten, wie gut wir Hashemis integriert sind! Ich verstehe es und es bricht mir das Herz. Und es macht mich wütend.“

Semra Ertan – Mein Name ist Ausländer (1981)
Mein Name ist Ausländer,
Ich arbeite hier,
Ich weiß, wie ich arbeite,
Ob die Deutschen es auch wissen?
Meine Arbeit ist schwer,
Meine Arbeit ist schmutzig.
Das gefällt mir nicht, sage ich.
„Wenn dir die Arbeit nicht gefällt,
geh in deine Heimat“, sagen sie.
Meine Arbeit ist schwer,
Meine Arbeit ist schmutzig,
Mein Lohn ist niedrig.
Auch ich zahle Steuern, sage ich.
Ich werde es immer wieder sagen,
Wenn ich immer wieder hören muss:
„Suche dir eine andere Arbeit.“
Aber die Schuld liegt nicht bei den Deutschen,
liegt nicht bei den Türken.
Die Türkei braucht Devisen,
Deutschland braucht Arbeitskräfte.
Mein Land hat uns nach Deutschland verkauft,
Wie Stiefkinder,
Wie unbrauchbare Menschen.
Aber dennoch braucht sie Devisen,
Braucht sie Ruhe.
Mein Land hat mich nach Deutschland verkauft.
Mein Name ist AUSLÄNDER.
Für wen ist der Arbeitsplatz ein (un-)sicherer Ort?
„Am 26. Mai 1982 hat sich Semra Ertan, 25-jährig, an der Kreuzung Simon-von-Utrecht-Straße/Detlef-Bremer-Straße in St. Pauli selbst in Brand gesetzt und ist als Ausdruck, also als Folge und als politisches Zeichen von zweierlei aus dem Leben verbrannt: erstens der rassistischen der Not und dem Leid und der Ausweglosigkeit, die diese Realität ist. So wirkt Herrschaft: sie herrscht verachtend, verstümmelnd, vernichtend und tilgt Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft der Verachteten, Verstümmelten und Vernichteten. Semra, wir hätten Dich gerne gehört.“
„Ich möchte, dass Ausländer nicht nur das Recht haben, wie Menschen zu leben, sondern auch das Recht haben, wie Menschen behandelt zu werden. Das ist alles. Ich will, dass die Menschen sich lieben und akzeptieren. Und ich will, dass sie über meinen Tod nachdenken.“


Ich bin auch eine Workaholicerin. Ich arbeite nonstop. Ich verdiene zwar nicht mehr Geld, aber trotzdem ich arbeite, arbeite. Das ist ja auch das, was mir vorgelebt wurde, ne? Also mein Vater hatte drei Jobs, der ist von einem Job zum anderen.
„Klassenverhältnisse und Rassismus müssen zusammen bekämpft werden. Klassenverhältnisse und Rassismus müssen also in ihrer Verbindung miteinander betrachtet werden. Denn Ausbeutung und sozialer Ausschluss sind Grundbestandteile des Rassismus. Gleichzeitig sind Kämpfe gegen Rassismus häufig Kämpfe um soziale Teilhabe: wenn migrantische Eltern für die Abschaffung von Ausländerklassen demonstrieren, weil ihre Kinder darin keine guten Abschlüsse machen können; wenn für eine Migrant*innenquote im öffentlichen Dienst gestritten wird; oder wenn in Arbeitsbereichen wie der Pflege, in denen mehrheitlich Migrant*innen arbeiten, gestreikt wird.“
