Die Musik von sogenannten Gastarbeiter*innen erzählt u. a. von Ankommen, Ausgrenzung und Widerstand. Sie macht Erfahrungen hörbar, die in offiziellen Geschichtserzählungen wenig sichtbar sind und trägt Wissen über Rassismus über Generationen hinweg weiter. Der 2022 erschienene Film ‚Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod‘ und die im gleichen Jahr veröffentlichte Mini-Doku ‚Sounds aus der Seele – Musik zwischen Almanya und Deutschland‘ machen diesen wichtigen Aspekt deutscher Migrations-, Kultur- und Erinnerungsgeschichte hör- und erfahrbar.
Musik stellt sich als ein Medium dar, in dem gesellschaftliche Strukturen, politische Entscheidungen und rassistische Ausschlusserfahrungen besprochen werden können. Dies zeigt sich u. a. in der Musik von sogenannten Gastarbeiter*innen, die seit den 1960er-Jahren in Westdeutschland entstanden ist und in der u. a. die Bezeichnung ‚Gastarbeiter‘ kritisiert wird, da sie Menschen als Arbeitskräfte und Nichtdazugehörige markiert.
Hülya und Ayla sprechen im Rahmen eines Gruppengesprächs des Projekts WueRD über Musik, die sie und ihre Eltern gehört haben. Hülya nutzt hierbei den Begriff der Widerstandsmusik und zeigt auf, dass sie erst später bemerkt hat, wie politisch die Lieder, die ihre Mutter hörte, waren. In der Rückschau beschreibt Hülya, dass sie heute dieselbe Musik gerne hört und als wertvoll und bedeutsam für ihr Selbstverständnis als feministische Frau und Kind von sogenannten Gastarbeiter*innen empfindet. Die Erinnerung an die Mutter, die beim Hören der Musik weinte, verweist auf verschiedene Emotionen und Affekte. Schmerz und Diskriminierung verbanden sich mit Widerstand, der sich in der Musik ausdrückte.
Metin Türköz war der erste Sänger türkischer Volksmusik in Deutschland und verstarb 2022. Sein Stück ‚Alamanya Destanı – Hoş Geldin Birader Bizim Kölne‘ und weitere seiner Texte der 1960er und 1970er Jahre thematisieren die Lebensbedingungen türkischer Arbeitsmigrant*innen in Köln in den 1960er und 1970er Jahren. 2022 sind die Mini-Doku ‚Sounds aus der Seele – Musik zwischen Almanya und Deutschland‘ und der Film ‚Aşk, Mark ve Ölüm – Liebe, D-Mark und Tod‘ und veröffentlich worden. In beiden Dokumentarfilmen wird deutlich, wie Musiker*innen wie Metin Türköz, Yüksel Özkasap, Sezen Aksu und Ozan Ata Canani mit ihren Stimmen wichtige Speicherorte des Wissens über Rassismus schufen. In ihren Texten verdichten sich Erfahrungen von Ausgrenzung, Abwertung, Anpassung, Sehnsucht und Widerstand.
Hülya erzählt im Gespräch, dass sie als Jugendliche Fresh Familee hörte. Die Ende der 1980er Jahre gegründete Hip Hop-Gruppe thematisierte in ihrem Song ‚Ahmet Gündüz‘ 1990 rassistische Zuschreibungen und wurde damit zu der ersten bekannteren Rapgruppe in Deutschland, die Rassismus ansprach. Hier wird deutlich, dass sich die Musik und Thematisierung von rassistischen Verhältnissen ab den 1990er Jahren änderte und insbesondere Rapmusik einen Zugang für jüngere Menschen bildete, um sich Wissen über Rassismus anzueignen. Sie ermöglichte ein Sprechen über Rassismus, da sie eine Sprache über dieses Verhältnis verwendete, das zuvor für viele (junge) Menschen nicht sagbar war. In der Spur ‚Eine Sprache aus der Sprachlosigkeit‘ erfährst du mehr darüber, wie die Band ‚Advanced Chemistry‘ mit ihrem Song ‚Fremd im eigenen Land‘ 1992 für viele rassismuserfahrene Personen ein Verstehen der eigenen Person und rassistischer Verhältnisse ermöglichte und Ausdrucksformen hierfür bot.
Musik über Rassismus zeigt sich als Medium der generationsübergreifenden Wissensweitergabe. Musikalische Auseinandersetzungen in der Geschichtsschreibung Deutschlands sind keine Nischenphänomene, sondern stellen entscheidende Beiträge zur deutschen Geschichte dar. Sie geben Einblicke in die Art und Weise, wie rassismuserfahrene Musiker*innen und Zuhörende Rassismus reflektierten, bearbeiteten und als Wissen zugänglich machten und machen. Musik macht Diskriminierungserfahrungen hörbar, überliefert Gefühle von Schmerz sowie Widerstand und schafft zugleich Räume des gegenseitigen Verstehens und der Selbstermächtigung.