In den 1980er und 1990er Jahren entstanden vielfältige feministische Wissensorte und-archive zum Thema Rassismus. Bei politischen und wissenschaftlichen Tagungen und in weiteren Austauschräumen wurden Selbstbezeichnungen wie beispielsweise ‚Schwarz sein‘ diskutiert und gemeinsame Forderungen und politische Positionen erarbeitet. Es entstanden Bücher und Texte, die unter anderem problematisierten, dass Gruppen politisch aktiver Frauen die Perspektiven und Stimmen rassistisch diskriminierbarer Frauen ausschließen oder unzureichend berücksichtigen.
In den 1980er und 1990er Jahren gab es vielfältige feministische und lesbische Kämpfe und Auseinandersetzungen mit Rassismus in Deutschland. Im digitalen Wissensarchiv der Initiative Ver/sammeln, das von 2021 bis 2024 entstanden ist, finden sich unter dem Projekt ‚Migrantisch-antirassistische Feminismen‘ Interviews von Annita Kalpaka, Brigitta Kuster und Efthimia Panagiotidis mit Arfasse Gamada, Hülya Eralp und Laura Mestre Vives. Sie sprechen über ihre Aktivitäten in migrantischen Selbstorganisationen und feministischen Austauschräumen in den 1980er und 1990er Jahren. Durch die Gespräche wird sichtbar, welche bedeutsamen Wissensarchive über Rassismus in Initiativen und Zusammenschlüssen wie etwa FeMigra (‚Feministische Migrantinnen‘) oder ‚De Colores‘ und durch Kongresse und deren Dokumentation in dieser Zeit entstanden sind. Es zeigt sich, dass viele Frauengruppen mehrheitsgesellschaftlich organisiert waren, also vor allem aus weißen Frauen bestanden und von ihnen geprägt waren und dabei Stimmen von rassismuserfahrenen Frauen größtenteils ausgeschlossen blieben.
In den 1980er Jahren lebte Audre Lorde längere Zeit in Berlin und ermöglichte feministische, Schwarze Austauschräume, in denen unter anderem eine Sprache für die Position als Schwarze, deutsche Frau erarbeitet wurde. Aus diesem Kontext heraus entstand das Buch ‚Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte‘ als entscheidend wichtige Veröffentlichung Schwarzer feministischer Wissensproduktion in Deutschland, herausgegeben 1986 von May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz. Ein weiterer relevanter Ort der Wissensproduktion ist der Artikel ‚Wir, die Seiltänzerinnen: Politische Strategien von Migrantinnen gegen Ethnisierung und Assimilation‘ (1994) von FeMigra, der auf Schwierigkeiten von Begriffsfindungen für geteilte und nicht geteilte Erfahrungen wie auch auf die Notwendigkeit der Berücksichtigung von Klassismus und Rassismus als Bestandteile von Benachteiligung und Diskriminierung verweist.
In den 1980er und 1990er Jahren entstandene Dokumentationen von Veranstaltungen und weitere Texte dienen als Archive für Wissen über gesellschaftliche Verhältnisse und historisch bedeutsame Kämpfe gegen Rassismus. Bei einem Vortrag im Rahmen des Denken-Fühlen-Handeln-Festivals 2025 in Bielefeld stellten Annita Kalpaka und Efthimia Panagiotidis heraus, dass es in diesen Auseinandersetzungen viele Bezüge zur Gegenwart gibt. Hierbei verwiesen sie und Teilnehmende darauf, dass feministische Gruppen und Organisationen nach wie vor häufig mehrheitlich oder ausschließlich weiß sind oder von weißen Personen geprägt werden. In vielen dieser Räume werden die Erfahrungen und Perspektiven von Frauen, die Rassismus erleben, ausgeschlossen oder nicht bedacht. Teilweise wird rassistisch diskriminierten Personen auch vorgeworfen, dass sie zu emotional seien oder ihre Perspektive wird nicht als legitim anerkannt. Auch hoben die Diskussionsteilnehmer*innen hervor, dass feministisches wie auch antirassistisches Wissen häufig abgewertet wird.