2006 fand in Dortmund eine Demonstration mit der Forderung „Kein 10. Opfer!“ statt. Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat wurden kurz zuvor von einer terroristischen Gruppe ermordet, die sich ‚Nationalsozialistischer Untergrund‘ (NSU) nannte. Angehörige und viele Initiativen forderten Aufklärung und Schutz vor weiteren Taten. Die ermordeten Menschen starben aufgrund rassistischer Gewalt. Ermöglicht wurden die Morde aber auch durch unzureichenden Schutz und den unzureichenden politischen Willen, Rassismus als Gefahr ernst zu nehmen.
In Deutschland ist das staatliche Versprechen, Menschen zu schützen und ihre Rechte zu sichern, im Grundgesetz verankert. Es gibt die Bindung aller staatlichen Gewalt an die Grundrechte, die etwa die Menschenwürde aller Menschen und ihre Gleichheit schützen. Diese Prinzipien sind eine gesellschaftliche Übereinkunft darüber, wie Menschen in Deutschland leben können sollen und was sie vom Staat erwarten dürfen. Dennoch wird dieses Schutzversprechen nicht immer eingelöst. So schildern im Rahmen des WueRD-Projekts befragte Personen Erfahrungen von Unsicherheit, Angst und unzureichendem Schutz. Bassam Haddad war Mitte 40, als der NSU sich 2011 selbst enttarnte. Bis zu dieser Selbstenttarnung wurde Rassismus von der Polizei als Tatmotiv der Morde nicht berücksichtigt, und es wurde bei den Ermittlungen zu manchen der zehn Morde sogar gegen Familienmitglieder ermittelt. Bassam Haddad erklärt, dass für seine Generation klar wurde, dass der deutsche Staat sie nicht schützen würde. Er verweist darauf, dass er in seiner Heimat Deutschland in dem Fall, dass er ernsthaft bedroht wird, und rassistische Bedrohung ist ernsthaft, nicht mit dem gleichen Schutz rechnen kann wie Personen, die keinen Rassismus erleben. Priya Varghese-Müller erzählt in einem anderen Interview von einer Drohung, die ihre Familie in den 1990er Jahren per Fax erhalten hatte. Sie hebt heraus, dass sie sich unzureichend geschützt fühlte, da nicht festgestellt wurde, wer das Fax verfasst hatte.
Die Ausstellung ‚Stopp. Zuhören. Begegnen.‘ erinnert an rechte Gewalt in Nordrhein-Westfalen. Sie wurde 2024 auf dem Mehmet-Kubaşık-Platz in Dortmund erstmals öffentlich präsentiert und war seither an verschiedenen Orten zu sehen. Sie ist auch online zugänglich und bietet Lern- und Reflexionsanlässe mit Blick auf rassistische Verhältnisse. Mehmet Kubaşık wurde 2006 in seinem Kiosk vom NSU erschossen. An diesen rassistischen Mord sowie an die NSU-Mordopfer erinnern die Familienmitglieder auf vielfältige Weise, unter anderem durch ihre Beteiligung an der Ausstellung ‚Stopp. Zuhören. Begegnen.‘ Die Ausstellung besteht aus Schildern, die Verkehrsschildern ähneln und auf denen rassistische Gewalt in NRW thematisiert und in einem Begleittext erläutert wird. Auch ein Schild, das von Gamze Kubaşık, der Tochter Mehmet Kubaşık, gestaltet wurde, findet sich in der Ausstellung. Es erinnert an die ‚Kein 10. Opfer!‘-Demonstration 2006 in Dortmund. In der Ausstellung wird auch an den Tod von Amed Ahmad erinnert. Er wurde 2018 in der Stadt Kleve letztlich ohne etwas begangen zu haben in einer Gefängniszelle festgesetzt und erlitt dort bei einem Brand schwere Verletzungen, an denen er wenige Tage später verstarb. Durch die Ausstellung wird deutlich, wie einschneidend der Verlust eines Menschen für die Familienangehörigen ist. Zudem wird vermittelt, dass die Gefahr, rassistischer Gewalt ausgesetzt zu sein ein gesamtgesellschaftliches Problem ist.
Kojo Mensah hat die Ausstellung im Jahr 2025 zufällig in Bielefeld im Rahmen des DFH-Festivals gesehen und besucht. Nachdem er das Schild zu Amed Ahmads Tod gelesen hatte, hob er die biografisch erworbene Perspektive vieler Menschen und ihr Erfahrungswissen hervor. Die Ausstellung bildet im öffentlichen Raum einen seltenen Ort der Anerkennung der Erfahrung von Menschen wie Kojo Mensah, Amed Ahmad, Mehmet-Kubaşık und vieler weiteren Personen. Sie stellt auch eine Kritik daran dar, dass gesamtgesellschaftlich in der Vergangenheit und Gegenwart rassistische Gewalt eher beschwiegen als besprochen, eher verharmlost als ernstgenommen, wurde und wird. Die Webdokumentation ‚Gegen uns‘ versammelt ebenfalls Erfahrungen mit rechter Gewalt. Dort wird auch die Geschichte von Marwa El-Sherbini erzählt. Die junge Frau wurde 2009 im Landgericht Dresden ermordet. Der Angriff erfolgte durch den Angeklagten, der Marwa El-Sherbini und ihren Sohn ein Jahr zuvor auf einem Spielplatz rassistisch beleidigt hatte. Auf der Webseite wird ihre Biografie dargestellt und der Fall, öffentliche Reaktionen und Forderungen werden dokumentiert.
Ausstellungen wie jene, die hier angesprochen wurden, machen deutlich, wie zentral und bedeutsam die Forderungen nicht zuletzt der Angehörigen nach Aufklärung und Gerechtigkeit sind. Sie kritisieren unzureichenden Schutz und machen sichtbar, dass Rassismus selbst und auch in der gesellschaftlichen Bearbeitung rassistischer Morde wirksam ist. Viele weitere Stimmen sind Teil dieses Engagements für die Sichtbarmachung rassistischer Verhältnisse mit dem Ziel, diese Verhältnisse zu verändern. Einige dieser Stimmen werden in weiteren Spuren der WueRD-Ausstellung vorgestellt.
Der im Rahmen des WueRD-Projekts interviewte Marcus Adu macht deutlich, wie der gewaltsame Tod von Menschen mit Rassismuserfahrungen auf das eigene Sicherheitsempfinden wirkt. Es entsteht ein Wissen darüber, auch selbst einer alltäglichen Gefahr ausgesetzt zu sein. Er verweist auf Oury Jalloh, der 2005 in Dessau in einer Gefängniszelle verbrannt und gefesselt aufgefunden wurde. Diese Tat wurde für Marcus Adu zu einem entscheidenden biografischen Einschnitt, da ihm klar wurde, dass Rassismus tödlich sein kann. In der Spur ‚Wissen um Gewalt‘ wird darauf hingewiesen, welches Wissen über notwendige Schutzmaßnahmen rassismuserfahrene Personen sich in Deutschland aneignen, aneignen mussten und müssen.