Rassistische Angriffe werden, wie es insbesondere von Angehörigen von Opfern rassistischer Taten herausgestellt wird, von Polizei und Gerichten häufig unzureichend verfolgt. Dies führt dazu, dass zivilgesellschaftliche Akteur*innen, nicht zuletzt von rassistischen Taten und Gewalt betroffene Personen, die Dokumentation rassistischer Verhältnisse selbst vornehmen müssen. Damit machen sie auf notwendige gesellschaftliche Veränderungen aufmerksam.
Wenn es zu rassistischen Gewalttaten kommt, die von den dafür eigentlich zuständigen staatlichen Instanzen nicht angemessen zum Thema gemacht und verfolgt werden, ist es nicht selten der Fall, dass zivilgesellschaftliche Akteur*innen in besonderer Weise aktiv werden. Sie sichern Beweise, schreiben Briefe, reichen Beschwerden ein, kontaktieren die Presse und stellen solidarische Öffentlichkeiten her. In der Spur ‚Erinnern heißt verändern‘ wird beschrieben, dass Rassismus bei einigen rassistischen Anschlägen zunächst als Tatmotiv von der Polizei und anderen Behörden ausgeschlossen und teils sogar gegen Familienangehörige ermittelt wurde. Auch dies führt dazu, dass Angehörige und Unterstützerinnen eigene Wissensorte der Dokumentation schaffen müssen. In Flyern, Protokollen, Zeug*innenberichten, künstlerischen Beiträgen, Ausstellungen und Archiven werden die Ereignisse festgehalten, eingeordnet und in einen Zusammenhang gebracht. Dadurch entsteht ein Wissensspeicher, ein Wissensarchiv, auf das zurückgegriffen werden kann, etwa in der politischen Arbeit, Forschung, Bildungsarbeit oder im Rahmen juristischer Verfahren. Die Archive des Wissens über rassistische Gewalt sind auch Orte des Gedenkens, nicht zuletzt an jene, die durch rassistische Gewalt ums Leben kamen.
Zivilgesellschaftliche Initiativen dokumentieren Rassismus und machen damit auch die Notwendigkeit des Dokumentierens selbst sowie die gesamtgesellschaftliche Weigerung, Rassismus zu thematisieren, sichtbar. In diesen Initiativen sind nicht zuletzt auch Betroffene rassistischer Gewalt aktiv. Solche Initiativen und Projekte stellen letztlich zeitgeschichtliches Wissen zusammen, dokumentieren die Alltäglichkeit und Normalität rassistischer Gewalt, Bedrohung und Ausgrenzung und dass diese gesellschaftlich und politisch nicht ausreichend zum Thema gemacht und verfolgt wird. Die Webseite ‚Brandmuster‘ dokumentiert Brandvorfälle in privaten Wohnräumen und in Unterkünften, in denen Geflüchtete untergebracht sind, und damit das tödliche Ausmaß rassistischer Gewalt. Dokumentarische und nachforschende Ansätze wie die 2010 in London gegründete Recherchegruppe ‚Forensic Architecture‘ untersuchen rassistische Taten genau. Mit ihren Ergebnissen machen sie die Abläufe der Taten nachvollziehbar und auch offizielle Angaben zu dem Hergang der jeweiligen Tat überprüfbar. Im Rahmen der Ausstellung ‚Three Doors‘ zeigt Forensic Architecture beispielsweise, welche Rolle die Beschaffenheit der Gebäude und der darin teils verschlossenen Türen für den Tod von Oury Jalloh, der 2005 in einer Gefängniszelle umkam, und für den Anschlag in Hanau 2020 hatten. In den biografischen Erzählungen der WueRD-Interviews verweisen Befragte ebenfalls auf Dokumentationen und auf Forderungen nach ausschließenden oder gefährdenden Rassismuserfahrungen, etwa durch Briefe an Politiker*innen.