Die Auseinandersetzung mit Rassismus an Hochschulen in Deutschland war lange Zeit sehr randständig und Studierende konnten nur selten Seminare zu diesem Thema besuchen. Studierende gestalteten mitunter selbst rassismuskritische Angebote. Die studentische Initiative ‚Bildung-Macht-Rassismus‘ etwa organisierte an der Universität Hamburg ab 2018 mehrere rassismuskritische Veranstaltungsreihen. Abschlussarbeiten und studentische Aktivitäten und wie diese stehen für seltene, aber über die Jahre an den Hochschulen in Deutschland an Bedeutung gewonnen habende Thematisierung von Rassismus und auch für Zusammenschlüsse von Studierenden, die Rassismus erleben.
Rassismus wurde an Hochschulen in Deutschland lange Zeit nur randständig zum Thema. Die Auseinandersetzung war nicht über entsprechende Professuren, Arbeitsbereiche und curriculare Verankerungen institutionalisiert. Gleichwohl haben einzelne Wissenschaftler*innen wichtige Beiträge dazu geleistet, dass sich insbesondere ab den 1980er Jahren allmählich eine akademische Rassismusforschung in Deutschland etablieren konnte. In der Spur ‚Wissenschaftliches Wissen‘ wird dies näher ausgeführt.
Viele Studierende erlebten die Universität in den 1980er und 1990er Jahren als einen Ort, an dem die Auseinandersetzung mit Rassismus nur marginal möglich war. Dennoch wurden einige wichtige Arbeiten hervorgebracht, etwa die Diplomarbeit von Jeanette Sumalgy an der Katholischen Fachhochschule Berlin mit dem Titel ‚Afro-deutsche Jugendliche im Schulsystem der ehemaligen DDR – unter Berücksichtigung ihrer bi-nationalen Familiensituation und die Bedeutung für ihre weitere Lebensplanung‘ im Jahr 1996. Maisha Auma (früher Maisha Eggers), Erziehungs- und Genderwissenschaftlerin mit Schwerpunkten in Diversitätsforschung, Rassismuskritik, Intersektionalität und Critical Race Theory, bezieht sich in ihrer Doktorarbeit ‚Rassifizierung und kindliches Machtempfinden: Wie schwarze und weiße Kinder rassifizierte Machtdifferenz verhandeln auf der Ebene von Identität‘ von 2005 auf die Diplomarbeit von Jeanette Sumalgy. Die Diplomarbeit von Jeanette Sumalgy ist nicht öffentlich zugänglich. Dass Maisha Auma die Diplomarbeit lesen konnte und das darin erarbeitete Wissen für ihre eigene Doktorarbeit weiterverwenden konnte, verweist auf die Bedeutung außeruniversitärer Austauschräume. In solchen Austauschräumen, wie Gruppen und Bündnistreffen, kann Wissen über Rassismus und Wissen über und von rassismuserfahrenen Menschen geteilt und weitergegeben werden kann. Sowohl Jeanette Sumalgys Arbeit als auch Maisha Aumas Studie stellen bedeutsame Momente hochschulischer Auseinandersetzung mit den Erfahrungen von Personen, die Rassismus erleben, dar.
Seither entstanden mehr Abschlussarbeiten zum Thema Rassismus, von denen einige auch publiziert wurden, etwa die Masterarbeit der Diversity-Managerin Aylin Karabulut. Wenngleich Arbeiten zu rassismuskritischen Fragestellungen für Studierende möglicher werden, zeigt das ‚Wissensnetzwerk Rassismusforschung‘ mit einer Untersuchung von Lehrangeboten 2025, dass rassismuskritische Lehre an deutschen Hochschulen weiterhin nur am Rande vertreten ist. Wenn Rassismus in Lehrveranstaltungen thematisiert wird, dann eher als ein Thema, das nicht im Mittelpunkt der Lehre, sondern bestenfalls am Rand steht. Das ‚Wissensnetzwerk Rassismusforschung‘ am Standort Bielefeld hat beispielsweise Analysen von Lehrplänen der Erziehungswissenschaft an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen durchgeführt. Ein zentrales Ergebnis dieser Analysen besteht darin, dass Rassismus im Studium nicht als wichtiges Thema etabliert ist. Obwohl etwas seit 2020 Rassismusforschung und -theorie etwas vermehrt auch in der hochschulischen Lehre Aufmerksamkeit erfährt, stellt Rassismus nach wie vor einen gesellschaftlichen Problemzusammenhang dar, der noch viel intensiver in Forschung und Lehre behandelt werden müsste. In der Spur ‚Wissenschaftliches Wissen‘ wird näher diskutiert, wie wissenschaftliche Ansätze Rassismus(-kritik) thematisieren und beforschen.
Im Rahmen von WueRD befragte Personen schildern unter anderem Erfahrungen von Vereinzelung, Ausschluss oder Abwertung durch Lehrende. Auch verweisen sie auf den Mangel an kritischen (Lehr-)Veranstaltungen an Hochschulen zum Thema des gesellschaftlichen Rassismus und auf die Suche nach Austauschmöglichkeiten zur Zeit ihres Studiums. Situationen, in denen Hochschullehrende offen und unterstützend handelten oder Kurse, die Rassismus explizit thematisierten, erscheinen in den Rückblicken als seltene, aber besonders bedeutsame, Ausnahmen. Dennoch ermöglichte der universitäre Raum das Knüpfen von Freund*innenschaften und solidarischen Bündnissen, die eine Beschäftigung mit Rassismus auch außerhalb des Raums Universität möglich machten. Auch Emily Ngubia Kuria beschreibt in ihrem Buch ‚eingeschrieben. Zeichen setzen gegen Rassismus an deutschen Hochschulen‘ aus dem Jahr 2015 anhand von Interviews mit rassismuserfahrenen Personen den universitären Alltag. Die Autorin verdeutlicht, wie Rassismus in Lehrveranstaltungen und Gruppenarbeiten erfahr- und spürbar wird. Die Normalität der Wirkung rassistischer Traditionen zeigt sich auch darin, dass es schwierig ist, bestimmte Erfahrungen und Themen anzusprechen. Dabei wird das Wissen von rassistisch diskriminierten Personen zu dem Thema oft nicht als allgemein gültiges Wissen anerkannt. In einem Artikel führt Karim Fereidooni, Professor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung, aus, dass ihm eine universitäre Kollegin unterstellte, er könne Rassismus in seiner Doktorarbeit nicht neutral erforschen.
Maisha Auma hebt hervor, dass Universitäten Räume sind, die nach wie vor von weißen Menschen und ihren Perspektiven geprägt sind. Kritisches Wissen über Rassismus ist hier auch daher nur begrenzt vertreten und zugänglich. Für Studierende, die etwas über Rassismus lernen und gegebenenfalls Abschlussarbeiten dazu schreiben möchten, ist es entsprechend herausfordernd, Fachbücher und Lehrangebote dazu zu finden. Auch gibt es an den Universitäten in Deutschland nur wenige Professor*innen und Lehrende, die im Bereich Rassismusforschung versiert sind und bei denen beispielsweise eine Abschlussarbeit zu diesem Thema angefertigt werden kann. Studierende gestalteten deshalb in der Vergangenheit mitunter selbst rassismuskritische Angebote, wie etwa im Rahmen der Initiative ‚Bildung-Macht-Rassismus‘, die an der Universität Hamburg ab 2018 mehrere rassismuskritische Veranstaltungsreihen organisierte.