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Erfolgsgeschichten

Ich habe mir immer die Frage gestellt, hat man mich jetzt eingestellt, weil ich Arabisch spreche oder weil ich gut bin und ein gutes Zeugnis habe? Mir wird dann gesagt: ‚Du machst deine Arbeit gewissenhaft und so.‘ Ja, ich mache sie auch gewissenhaft und richtig und gut, weil ich auch studiert habe und nicht einfach nur, weil ich Arabisch kann. Das ist schon so dieses Beweisen. Das nervt, das ist das ganze Leben so und man denkt so, spätestens wenn die Noten top sind und eingestellt wird, dann vertraut man demjenigen auch.

Amina Acar im Interview mit dem WueRD-Projekt

Im Krankenhaus habe ich etwas mit einer Patientin erlebt. Ich kam zu ihr und habe mich vorgestellt. Ich habe gesagt: ‚Ich werde sie heute unterstützen.‘ Da hat sie ganz klar und deutlich gesagt: ‚Nein, ich lasse mich nicht von einem Schwarzen Mann unterstützen. Sie kommen hier nach Deutschland und nehmen uns die Jobs weg.‘ Ich bin gegangen. Ich konnte nur weinen. Ich war so fertig. Habe den Kollegen das erzählt und so. Zum Glück war ein einen sehr guter Kollegen da. Ein leitender Oberarzt war er und der ist dann zu der Patientin gegangen und hat klare Worte gesagt, dass es so was hier nicht gibt. Ja, und das hat mich ein Stück weit beruhigt und das hat mich gestärkt. Ich fühlte mich ernstgenommen vom Kollegen.

Marcus Adu im Interview mit dem WueRD-Projekt

Ich habe gelernt wenig zu sagen. Es kommt nicht an. Wenn du zum Beispiel zu deinem Vorgesetzten sagst: ‚Der Kollege hat das und das gemacht. Ich finde das rassistisch.‘ passiert nichts. Ich bin nicht oft zum Vorgesetzten gegangen, weil ich weiß auch, dass es nichts bringt. Ich habe auch nicht erlebt, dass ein Vorgesetzter dann gesagt hat: ‚Ja okay, ich setze mich ein, das geht gar nicht‘, aber Aussagen wie ‚Das hat sie ja bestimmt nicht so gemeint‘, sowas habe ich erlebt.

Nadine Rodríguez im Interview mit dem WueRD-Projekt

Wie hast du dich für deine berufliche Laufbahn entschieden bzw. was sind deine beruflichen Pläne?

Aber meine Lehrerin gibt der, die die Nichte von unserem Bürgermeister war, immer eine Eins. Aber mir immer nur eine Drei. Das kann nicht sein. Und dann habe ich das meinen Nachbarn vorgelesen. Dann hat er gesagt: ‚Super!‘ Meine Schwester, die zur Übersetzung zur Hilfe mitgekommen ist, zu meiner Mama und meinem Papa. Meine Eltern waren immer anwesend bei Elternabenden. Die haben dann tatsächlich gesagt, ‚Die Elif hat das Gefühl, dass sie nicht fair benotet wird beim Lesen. Und sie legt sehr viel Wert darauf.‘ Am nächsten Morgen wurde ich gerufen von dem Rektor, der mich angeschrien hat. Aber wirklich, das werde ich nie vergessen, was ich denke, wer ich sei. Ich wäre keine Lehrerin. Und ab da habe ich angefangen Bett zu nässen. Also in der vierten Klasse. Ich habe das nie verarbeitet.

Elif Deniz im Interview mit dem WueRD-Projekt

Wenn man merkt, dass das System sich Antirassismus auf die Fahnen schreibt, das aber unten nicht ankommt, dann ist das eine Art von Doppelmoral, mit der man schwer umgehen kann und die einen dann natürlich auch dazu bewegt, dass man reagiert. Wenn man in einem Unterrichtsfach wie Staatsbürgerkunde, was wir damals hatten oder Marxismus-Leninismus dann diese hohlen Phrasen hört und man was sagt: ‚Ne, das habe ich andere Erfahrungen gemacht.‘ Das will keiner hören, keiner wollte sich damit beschäftigen. Und durch diese Fragen und das immer wieder Nachfragen und versuchen, bestimmte Sachen richtigzustellen oder mal in den in den Diskurs einzubringen, ist man dann natürlich auch politisch immer wieder angeeckt, ne? Es wurde dann eher totgeschwiegen. Und es hieß dann immer ‚Stören Sie nicht den Unterricht, stören Sie nicht die die Seminargruppe mit Ihren blöden Fragen.‘ Und das macht dann einfach immer wütender. Und ich habe dann auch gar kein gar keinen Sinn mehr darin gesehen, mich weiter mit diesen Sachen auseinanderzusetzen. Ich bin dann irgendwann exmatrikuliert worden.

Obum Müller im Interview mit dem WueRD-Projekt
Exmatrikulationsschreiben von Obum Müller

Also es gab schon Ausschluss von verschiedenen Fußballclubs, einfach von vornherein. Was nichts mit deinem Talent zu tun hat oder eine Begabung, sondern aufgrund der Hautfarbe oder einer bestimmten Vorstellung. Ich war richtig guter Fußballer und Eisschnellläufer. Dann bin ich Eisschnelllauf-DDR-Meister geworden. Ich meine das ist schon ein bisschen was! Damals haben sie gesagt: ‚Du kommst nicht auf die KJS!‘ Kinder- und Jugendsportschule. Ganz klipp und klar. Man versteht das ja auch erstmal gar nicht und macht einfach sein Ding. So, aber so jetzt im Nachhinein, als Erwachsener denkt man, man hatte da ein Talent und durfte das nicht, wie alle anderen weißen Personen ausleben und gucken, wohin man kommt. Das ist schon ein Einschnitt in der Biografie, so sag ich mal, ja.

Memo Meier im Interview mit dem WueRD-Projekt
Urkunde von Memo Meier: 1. Platz bei den DDR-Schülermeisterschaften im Eisschnellauf

Memo Meier: Das ist die wertvollste Urkunde. Die habe ich gesucht. 

Interviewerin: Eisschnelllauf! Wow. 

Memo Meier: Das sind die DDR-Meisterschaften.

Interviewerin: Deutscher Eislaufverband der DDR.

Memo Meier: Und der, der Zweiter oder Dritter geworden ist, der ist Olympiasieger geworden. 

Interviewerin: Und was ist passiert, dass du nicht im Eislaufverband gelandet bist? 

Memo Meier: Hab‘ ich dir doch gesagt. Mich haben sie rausgeschmissen. 

Interviewerin: Warum? 

Memo Meier: Na, weil ich nicht auf die KJS gekommen bin wegen meiner Hautfarbe. 

Interviewerin: Ich meine, du zeigst mir gerade ein Dokument, wo du den ersten Platz hattest. 

Memo Meier: Ja, von der ganzen DDR. 

Interviewerin: Das gibt’s doch nicht, oder? Und die haben dich einfach nicht in diesen Verein gelassen aus rassistischen Gründen? Die hatten keinen Grund, dich nicht zu nehmen. Aber sie haben dich nicht genommen. Und wurde das irgendwie dir kommuniziert? Warum die das nicht machen? 

Memo Meier: Nein, nein. Du darfst ja nicht vergessen du warst ja in der DDR. 

Interviewerin: Es war einfach für alle klar und es wurde aber nicht mehr drüber geredet?

Memo Meier: Ja genau, genau.

Memo im Interview mit dem Projekt WueRD, während er die Urkunde zeigte.

Als migrantische Person hat man immer diese Unsicherheit. Hat diese Person mich jetzt angegriffen, weil das wirklich schlecht war oder liegt es daran, dass ich Migrantin bin? Und das ist immer diese Unsicherheit, die mit schwebt und man versucht, das oft auseinanderzuhalten und auseinanderzuklamüsern. Ich habe Mist gebaut oder nein, ich muss mich mehr anstrengen. Und bei mir hat das oft diese Folge dass ich denke, ich muss mich so doll anstrengen, ich darf keine Angriffsfläche bieten, ich muss alles richtig machen. Also das ist bei mir sehr, sehr oft drin im Job, dass ich denke, ich muss so überperformen, um keine Angriffsfläche zu bieten. Das ist ja die Folge dessen.

Maraam Kandil im Interview mit dem WueRD-Projekt

„Wer sieht schon gerne seine Nachbarn scheitern außer es handelt sich um Gastarbeiter“

Eko Fresh 2012 in seinem Song „Gastarbeiter“

„Kürzlich saß ich mich mit meinem alten Freund Kofi Yakpo, a.k.a. ‚Linguist’ von der legendären HipHop-Formation ‚Advanced Chemistry‘ in einem Café in Addis Abeba. Wir hatten uns eine Weile nicht gesehen, sprachen über dies und das und natürlich auch über Deutschland. ‚Alleine mit (unserem Song) ‚Fremd im eigenen Land‘ haben wir Deutschland schon damals, 1992, soviel gegeben. Aber Deutschland gibt Dir nichts zurück‘ meinte er schulterzuckend, ‚was haben wir nicht alles getan für dieses Land. Aber Deutschland gibt Dir einfach nicht was Du verdienst. Deswegen lebe und arbeite ich jetzt so gerne in Hong Kong. Da wird Leistung anerkannt.‘“

Philippa Ebéné über Kofi Yakpo 2018 in einem Belltower.News-Beitrag belltower.news

„Wir alle haben sicherlich schon mal den Ausdruck ‚Wissen ist Macht‘ gehört. Die Geschichten von Ben Baader, Fatima El-Tayeb, Kofi Yakpo, Encarnación Gutiérrez-Rodríguez, Kien Nghi Ha und Patrice Poutrus zeigen, dass dieser Zusammenhang von Macht und Wissen viele Widersprüche enthält. Unsere Protagonist*innen haben einerseits die Wissenschaft und ihre Methoden, die Strukturen der Uni mit ihren vielfältigen Ressourcen genutzt, um sich selbst und ihre Communities zu empowern. Andererseits haben ihnen dieselben Strukturen und die dominierenden Wissensbestände immer wieder Steine in die Verwirklichung ihrer eigenen Karrieren gelegt. Unterm Strich ist es leider auch heute noch so: Wer sich aus einer sogenannten Betroffenenperspektive wissenschaftlich mit deutscher Geschichte und Gegenwart beschäftigen möchte, wird schnell an den Rand gedrängt und als unwissenschaftlich abgetan. Vor dem Hintergrund, dass es sowieso schwer ist, an deutschen Unis gute Jobs zu bekommen, gestaltet sich die gläserne Decke für Nachwuchswissenschaftler*innen, die mehrfach diskriminiert sind, als noch undurchlässiger.“

Trang Tran in der Podcastfolge ‘Brain drain’ des Podcasts ‘Lose Fäden’ (2021)

„Mein Doktorvater war in amerikanischer Geschichte, weil niemand in deutscher Geschichte mit meinem Thema arbeiten wollte. Und der hat mich zwar sehr unterstützt, aber wusste im Prinzip nichts zu dem Thema. Wenn ich als Studentin an irgendwelchen Konferenzen teilgenommen habe, irgendwelche Vorträge gehalten habe, waren die Reaktionen sehr, sehr, sehr negativ, vor allem von weißen deutschen Profs. Also da bin ich oft total runtergemacht worden.“

Fatima El-Tayeb in der Podcastfolge „Brain drain“ des Podcasts „Lose Fäden“, 2021

„In der Regel bezeichnet ‚Brain Drain‘ die Abwanderung einer Gruppe hochqualifizierter Arbeitskräfte aus dem globalen Süden in den globalen Norden, die damit eine gesellschaftliche Lücke im ‚Herkunftsland‘ hinterlässt. Deutschland erlebt in den vergangenen Jahrzehnten einen Brain Drain der besonderen Art. In den 90ern und 2000er Jahren fand bundesweit eine Abwanderung von BIPoC und jüdischen Wissenschaftler*innen statt, welche die Weiterentwicklung von Teildisziplinen wie post- und dekolonialer Forschung auf hiesige Kontexte und damit den Diskurs in Deutschland massiv zurückgeworfen hat. Die Wissenschaftler*innen besetzen mittlerweile zahlreiche Lehrstühle an renommierten Universitäten im Ausland und forschen dort zu post*migrantischen Themen. Die Folge ‚Brain Drain‘ geht der Frage nach, wie es zu dieser Entwicklung kam und wie sie auch heute noch unser Denken über Deutschland als post*migrantische und postkoloniale Gesellschaft prägt.“

Beschreibung der Podcastfolge „Brain drain“ des Podcasts „Lose Fäden“, 2021