Vielen als ‚Vertragsarbeiter*innen‘ bezeichneten Arbeitsmigrant*innen in der DDR wurde eine Ausbildung versprochen, die sie häufig nicht oder nicht in dem angekündigten Umfang erhielten. Gleichzeitig erlebten sie rassistische Ausgrenzung und Abwertung. Der Staat inszenierte demgegenüber ein antifaschistisches Selbstbild und gab vor, dass es in der DDR keinen Rassismus gebe.
Diese Spur zur Vertragsarbeit in der DDR skizziert, wie sich der staatliche Umgang mit Migration und rassismuserfahrenen Arbeiter*innen darstellte. Es wird hier auch gezeigt, wie in der DDR eine mit Rassismus verbundene Ungleichheit hergestellt wurde. Zugleich versuchte der Staat mitzubestimmen, welches Wissen darüber öffentlich zirkulieren durfte. Irene Quintana und Edson Faria wurden vom Projekt WueRD befragt und beschreiben wie weitere Interviewte, dass Vertragsarbeitende vor allem als Arbeitskräfte auf Zeit galten. Sie sollten zeitlich befristet einen Arbeitskräftemangel beheben und anschließend wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Ein dauerhaftes Leben in der DDR, das Knüpfen von Beziehungen oder dauerhafte Anstellungen waren in dieser Logik nicht vorgesehen. Entsprechend gab es zumeist strikte Befristungen, und viele Vertragsarbeitende lebten in speziellen Wohnheimen, die sie von der sonstigen Bevölkerung trennten. Kontakte zur Mehrheitsgesellschaft, darauf verweisen beispielsweise die Soziologin Katharina Warda und der Historiker Patrice Poutrus, sollten begrenzt werden. Wie weitgehend der Eingriff in das private Leben war, zeigt sich zum Beispiel daran, dass schwangere Vertragsarbeiterinnen sich teilweise gezwungen sahen, entweder die Schwangerschaft abzubrechen oder auszureisen. Ihre Betriebe schlossen sie im Falle einer Schwangerschaft in der Regel von der Weiterbeschäftigung aus.
Im Rahmen von zwischenstaatlichen Abkommen wurde den sogenannten Vertragsarbeiter*innen teilweise die Möglichkeit beruflicher Qualifizierung in Aussicht gestellt. In der betrieblichen Praxis blieb diese Möglichkeit jedoch häufig hinter den Erwartungen zurück. Auch in den im Rahmen von WueRD geführten Interviews wird angesprochen, dass Zusagen, eine berufliche Ausbildungsplatz zu erhalten nicht immer eingehalten wurden. Edson Faria berichtet auch von Arbeitseinsätzen, die bereits vor der eigentlich zugesagten Ausbildung begannen. Proteste gegen diese Behandlung, so Edson Faria, wurden mit Sanktionen beantwortet, etwa in Form von erzwungenen Rückführungen in das Herkunftsland der jeweiligen Person. Vertragsarbeitende aus Mosambik haben teilweise bis heute nicht den ihnen zustehenden Lohn erhalten, worauf einige Betroffene bis in die heutige Zeit verweisen.
Afonso Miranda betont, dass es ihm im Alltag teils so schien, als sei der Rassismus in der DDR „unter Kontrolle gehalten“. Aber im Nachhinein werden Erfahrungen als Erfahrungen von Rassismus deutlich. Projekte wie die Online-Ausstellung ‚De-Zentralbild‘ sammeln Fotos und Geschichten von Vertragsarbeiter*innen und machen das Leben und die Erfahrungen in der DDR mit Blick auf Alltag, Arbeit, Wohnen, Beziehungen, Rückkehr und die Veränderungen nach 1990 nachvollziehbar. So werden über das Leben der Vertragsarbeit*innen in der DDR Wissensgeschichten über Rassismus zugänglich. Es lässt sich darüber verstehen, wie ein Staat die Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit von Menschen zur Gesellschaft herstellt und regelt, ihre Rechte ungleich verteilt, Beziehungen untereinander und die persönlichen Zukunftschancen von Menschen begrenzt. Durch seine Politik hat das DDR-Regime versucht Konflikte aus dem öffentlichen Bild über die Gesellschaft herausfiltern. Es zeigt sich mit dem Blick auf das Thema Vertragsarbeit auch, wie Betroffene eigenes Wissen geschaffen haben und weiterhin schaffen, damit Erfahrungen nachvollziehbar, erinnerbar und politisch anschlussfähig werden – nicht zuletzt, weil das Selbstbild der DDR als antifaschistischer Staat die kritische Thematisierung von Rassismus lange erschwerte. Wie das Leben als sogenannte Gastarbeitende sich in der alten BRD gestaltete, wird in den Spuren ‚Musik‘ und ‚Name‘ näher betrachtet.