zurück

Wissenschaftliches Wissen

Ich habe Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaften studiert. Und da merkst du, wie eurozentristisch das Ganze ist. Das habe ich damals auch schon ansatzweise gemerkt. Heute weiß ich das mehr. Wir reden von den Eroberern, wir reden von den Entdeckern. Was haben die entdeckt? Sie haben versklavt und verschifft. Aber wir reden nicht über Kolonialismus, über die Auswirkungen von Kolonialismus, von Versklavung und so weiter und so fort. Diese Perspektiven sind so eurozentristisch und ich versuche das immer zu durchbrechen. Eurozentrismus ist auch ein Ergebnis von Rassismus.

Bassam Haddad im Interview mit dem WueRD-Projekt

Eurozentrismus: Entstanden zur Zeit der Kolonisierung versteht ein eurozentrisches Weltbild Ideen, Wertvorstellungen und Lebensweisen, die in europäischen Ländern entstanden sind, als erstrebenswert für alle Menschen auf der Welt. Da der Begriff vielmehr ideologisch als geografisch geprägt ist, zählen andere westliche Länder wie die USA ebenso dazu. Zu den verteidigten und zu verbreitenden Werten gehören auch technische Errungenschaften und politische Systeme, die als „zivilisiert“ und „fortschrittlich“ betrachtet werden. Eurozentristische Handlungen zeichnen sich durch dominantes, bekehrendes bzw. missionierendes Verhalten gegenüber Menschen und Staaten aus, die (zugeschriebenerweise) andere Wertvorstellungen leben oder andere gesellschaftliche Systeme haben. Zudem beschreibt Eurozentrismus die Vorherrschaft von westlichen, weißen Perspektiven in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft.

aus dem IDA-Glossar, idaev.de
Annita Kalpaka, Nora Räthzel und Klaus Weber (Herausgabe): ‚Rassismus. Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein‘, Argument Verlag mit Ariadne, 2017, Erstauflage von Annita Kalpaka und Nora Räthzel 1986, 3. https://argument.de/produkt/tkp-07-rassismus-die-schwierigkeit-nicht-rassistisch-zu-sein/

„In ‚Rassismus. Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein‘ treffen klassische Texte aus der Kritischen Psychologie unter der Leitfrage nach der Funktionalität von Rassismus neu aufeinander. Annita Kalpaka und Nora Räthzel verfassten 1986 den ersten Text zu Alltagsrassismus und institutionellem Rassismus in der Bundesrepublik, der weitere Verbreitung fand. Sie stellen darin die noch immer brisante Frage nach der Funktionalität von Rassismus für die Handlungsfähigkeit der Subjekte in restriktiven gesellschaftlichen Verhältnissen. Ihnen ging es um alltäglichen Rassismus, die übliche Diskriminierung von Eingewanderten und um Kritik an einer Politik, die sich weigerte, Eingewanderte ‚als integralen Bestandteil der deutschen Gesellschaft zu betrachten‘.
Heute, 30 Jahre später, haben die Autorinnen ihren Text kommentiert und auf aktuelle Fragestellungen hin zugespitzt.
Die Herausgeber*innen machen außerdem Artikel von Philip Cohen, Klaus Holzkamp und Ute Osterkamp aus den 1980ern und 1990ern wieder zugänglich. Die Texte behandeln u. a. das Verhältnis von Alltags- und institutionellem Rassismus, die Verstrickung in rassistische Verhältnisse und die Grenzen einer auf Erziehung und Aufklärung reduzierten antirassistischen Strategie. Eine Lektüre der damaligen Analysen zeigt unausweichlich, ‚wo und wie die Grundlagen für die Ausgrenzung und damit für die Entfremdung von der Aufnahmegesellschaft gelegt worden sind‘.“

Beschreibungstext des Buches „Rassismus. Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein“, herausgegeben von Annita Kalpaka, Nora Räthzel und Klaus Weber, Argument Verlag mit Ariadne, 2017

„Die Entstehung von deutschen Universitäten zeigt am Beispiel der Universität Hamburg, dass der Ausschluss von Perspektiven an Universitäten Teil der (Gründungs-)Geschichte ist, die sich in Form von kolonialen Kontinuitäten in die Institutionsstrukturen eingeschrieben hat (AStA der Universität Hamburg 1969; Gutiérrez-Rodríguez et al. 2016). Die Universität Hamburg wurde 1909 als Hamburgisches Kolonialinstitut gegründet, um u.a. Kolonialherren auszubilden (AStA der Universität Hamburg 1969). Bis heute werden Kaufmänner, die ihren Reichtum kolonialen Ausbeutungsprozessen verdankten, durch Statuen, Straßen-, Platz- und Gebäude-Benennungen geehrt; auf dem Hamburger Universitätscampus etwa Edmund Siemers und Werner von Melle (Mancheno/Al-Windi 2023). Zudem wurde 1933 ein Institut für ‚Rassen‘- und Kulturbiologie an der Universität Hamburg gegründet (Kaupen-Haas/Saller 1999). Das Beispiel der Universität Hamburg zeigt auf, wie zentral koloniale Verflechtungen in der Wissensproduktion verankert sein können.“

Canê Çağlar und Adolé Akue-Dovi 2025  in ihrem Artikel „Universitäten als rassismuskritische Lernorte. Perspektiven von Bi_PoC-Studierenden auf Wissenstragende“, Zeitschrift für Diversitätsforschung und -management
Fatima El-Tayeb: Schwarze Deutsche. Der Diskurs um »Rasse« und nationale Identität 1890–1933, Beltz Campus, 2020
Natasha A. Kelly: Afrokultur. »der raum zwischen gestern und morgen«, Unrast, Erstauflage 2016

„Die Forschungsarbeiten Schwarzer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen stellen eine bedeutende Grundlage für das Selbstverständnis der Schwarzen Community in Deutschland dar. Ihre Auseinandersetzungen unter anderem mit der Geschichte der Einwanderung Schwarzer Menschen nach Westdeutschland und der DDR, den erlebten Rassismus, die Konstruktion von (Geschlechter-)Identitäten bilden Anhaltspunkte für die Auseinandersetzungen Schwarzer Menschen mit ihrem Alltag.“

Dossier Schwarze Community in Deutschland, Website “Heimatkunde” der Heinrich-Böll-Stiftung, heimatkunde.boell.de
Paul Mecheril: Prekäre Verhältnisse. Über natio-ethno-kulturelle (Mehrfach-)Zugehörigkeit, Waxmann, Erstauflage 2003, Neuauflage 2023
Kien Nghi Ha, Nicola Lauré al-Samarai und Sheila Mysorekar (Herausgabe): Politische Analysen, literarische Essays, Glossen und Gespräche von und mit People of Color, Unrast, Erstauflage 2007
Annita Kalpaka und Nora Räthzel (Herausgabe): ‚Rassismus und Migration in Europa, Argument Verlag mit Ariadne‘, 1992. Mit Beiträgen des Kongresses ‚Migration und Rassismus in Europa‘ in Hamburg vom 26. bis 30. September 1990, 10. https://argument.de/produkt/rassismus-und-migration-in-europa/

Welches Wissen fehlt an Universitäten?

„Die Analyse der Projekt Erziehungswissenschaftliche Rassismusforschung kann insgesamt als unterfinanziert bezeichnet werden und benötigt verstetigte Strukturen der entsprechenden Förderung wie etwa Forschungskollegs und nicht zuletzt der Einrichtung entsprechender Professuren mit rassismuskritischer Ausrichtung in Forschung und Lehre. Unter Berücksichtigung der aktuellen Forschungs- und Förderlage zeigen sich Leerstellen insbesondere in der Quantität von Projekten, die umfangreiche Forschung und auch angemessenes Forschen ermöglichen, da rassismuskritische Forschung teilweise strukturell unabgesichert und ‚nebenbei‘ stattfindet oder auf individueller Ebene durch prekäre Finanzierung gekennzeichnet ist. Sowohl mit Blick auf das Verhältnis von Rassismuserfahrungen und (Selbst-)Bildungsprozessen wie auch in Bezug auf die Analyse von Strukturen und Routinen von Bildungsinstitutionen, die rassistische Muster bestätigen und reproduzieren oder auch schwächen, gibt es viele Leerstellen und es ist dringend geboten, entsprechende Forschungen strukturell zu ermöglichen und auf den Weg zu bringen bzw. entsprechende Aktivitäten zu stärken.“

Liesa Rühlmann und Paul Mecheril: Disziplinäre Analyse der Erziehungswissenschaft. Disziplinäre Bestandsaufnahmen der Rassismusforschung in Deutschland, WinRa/DeZIM, 2025, S. 17

„WinRa formuliert klare Empfehlungen, um das Feld nachhaltig zu stärken. Dazu gehören eine langfristige Förderrichtlinie für Rassismusforschung, neue DFG-Programme und der strukturelle Ausbau an Hochschulen. Professuren in zentralen Disziplinen – etwa Rechtswissenschaft, Medizin/Public Health, Erziehungswissenschaft und Soziologie – sollen das Themenfeld dauerhaft verankern. WinRa empfiehlt außerdem die verpflichtende Integration rassismuskritischer Inhalte etwa in der Lehrkräftebildung und der Rechtswissenschaft. Nachwuchsgruppen mit Tenure-Track-Modellen sollen stabile Karrierewege schaffen und Expertise langfristig sichern.“

Aktuelles-Meldung der Universität Bielefeld 2025, aktuell.uni-bielefeld.de