Für uns in Ostdeutschland war die Wende vielleicht die allerschlimmste Erfahrung. Wir hatten gedacht: Okay, wir sind irgendwie akzeptiert. Auf einmal waren wir diejenigen, die zurückmussten, koste es, was es wolle, weil wir eine Belastung waren im Fall der Vertragsarbeitnehmer, ja? Es gab keine Wohnung. Und im Fall der Studierenden: Auf einmal waren wir da, und ich wollte meine Dissertation schreiben, aber meine Hochschule war verschwunden. Meine Doktormutter musste schauen, wo sie bleibt, weil alle entlassen wurden. Diese Wendegeschichte und anschließend die ganzen Diskussionen um Asyl waren ein tiefer Einschnitt.
„Pogrome entstehen, Polizei steht daneben
Ein deutscher Staatsbürger fürchtet um sein Leben
In der Fernsehsendung die Wiedervereinigung
Anfangs hab‘ ich mich gefreut, doch schnell hab ich’s bereut
Denn noch nie seit ich denken kann, war‘s so schlimm wie heut“
(Wie) Erinnerst du dich an den Mauerfall?

„Die meisten Menschen hatten Bierdosen, Sektflaschen in der Hand, blieben zwischendurch stehen, prosteten sich zu, klopften jeder Beliebigen auf die Schulter, sangen, umarmten sich. Es blieb nicht aus, dass der eine oder andere auch auf mich zuging und mich anlächelte, mir etwas zurief. Doch sobald ein Blickkontakt hergestellt worden war, änderte sich irgendetwas. Eine Geste blieb unausgeführt, der Blick wendete sich ab, der Satz wurde nicht zu Ende gesprochen. Dies geschah nicht nur einmal oder zweimal, sondern viel zu oft. Sind das die Menschen, mit denen ich mich mitgefreut hatte, dachte ich enttäuscht.“
Die Arbeit war schon weg. Im Schlachthof gab es Massenentlassungen. Dazu muss ich sagen: Der Vertrag war so, dass wir einen Vertrag mit dem Betrieb hatten. Oder man hatte ihn für uns aufgesetzt, und wir unterschrieben. Dazu kam noch eine andere Seite: die Botschaft – oder nicht direkt die Botschaft. Es war das Arbeitsamt in Berlin auf unserer Seite. Beide Parteien bestimmten über uns. Nachdem man uns entlassen hatte, verloren wir auch die Wohnheime. Wir hatten kein Wohnheim mehr. Dann ging es los: kein Aufenthalt, keine Arbeit. Wir waren in der Schwebe. Schließlich übernahm der Betrieb oder, genauer gesagt, die Stadtverwaltung das Wohnheim hier in der Nähe, in der [Straße 1]. Das Sozialamt übernahm es. Danach zogen wir in ein anderes Heim, wo wir dann den Status als Vertragsarbeiter bekamen. Was genau vorher war, weiß ich nicht mehr. Für uns gab es damals noch eine andere Bezeichnung: ausländische Werktätige.
Ich gehe ein bisschen zurück in die Wendezeit. Alles hat sich drastisch verändert, und das war plötzlich zu spüren. Die Deutschen, die sich als zweitklassige Bürger empfunden hatten, fühlten sich auf einmal einer höheren Klasse zugehörig. Tatsächlich fingen sie an, Menschen, die anders aussahen, weil das sichtbar war, auf der Straße anzupöbeln. Es gab eine rechte Gruppierung, also Neonazis, die nach der Wende, in den Jahren 1989/90, mit Bomberjacken und braunen Stiefeln auf offener Straße unterwegs waren. Und wurde von der damaligen Ausländerbeauftragten der Stadt Dresden, Marita Schieferdecker-Adolph, gesagt: ‚Bitte geht nach Einbruch der Dunkelheit nicht auf die Straße.‘ So viel Angst und Gewalt waren verbreitet.
„In den Wochen, nachdem die Mauer gefallen ist, habe ich entschieden, wegzugehen. Das war damals wirklich sehr, sehr beängstigend. Ich hatte damals das Gefühl, dass das Nachkriegsdeutschland vorbei ist und diese Welle von deutschem Nationalismus und ‚wir sind wieder wer und wir müssen irgendwie nicht mehr zurückschauen, wir können wieder stolz sein, wir sind wieder ein Volk und wir waren dabei‘. Also diese ganze deutsche Euphorie um den Mauerfall hat, ich sag mal mir, aber auch uns, neben dem Freundinnenkreis – jüdisch, aber auch Immigrantinnen, Flüchtlingsfrauen, Schwarze deutsche Frauen – sehr Angst gemacht. Dann ging’s los mit rassistischen Angriffen sehr bald, als die allererste Euphorie vorbei war, aber auch in den ersten Wochen um Mauerfall und so. Dann war irgendwie nicht klar, ob Deutschland die Ostgrenze zu Polen anerkennen wird. Es war politisch beängstigend. Und ich habe an einem neuen Deutschland kein Interesse gehabt. Das Gefühl war damals, dass das wirklich der Schlussstrich sein wird mit Vergangenheitsbewältigung und Zurückschauen und sich mit Shoah auseinandersetzen und so weiter.“
„Mit dem rapiden Machtverlust der SED im Herbst und Winter 1989/90 ging nicht nur die Illusion der Reformierbarkeit der Planwirtschaft verloren, sondern auch die Kontrolle über die staatlichen Betriebe. Damit landeten die Vertragsarbeiter:innen trotz fortwährender Gültigkeit der bilateralen Entsendevereinbarungen in einem rechtlichen Niemandsland. In der sich abzeichnenden Systemkrise standen viele nun massiv unter Druck: Vertragsarbeiter:innen waren von betrieblichen Kündigungen betroffen, und betriebliche Unterkünfte wurden aus Kostengründen geschlossen. Insbesondere am Rande ostdeutscher Großstädte breitete sich ein xenophobes Klima aus, dessen radikalster Ausdruck gewaltsame Übergriffe auf Ausländer:innen waren. Um diesen Verhältnissen zu entgehen, folgten zahlreiche Vertragsarbeiter:innen dem Weg ihrer ostdeutschen Kolleg:innen und beantragten nach dem Fall der Mauer in Westdeutschland Asyl. Zugleich bemühte sich die inzwischen frei gewählte und zugleich letzte Regierung der DDR im Sommer 1990 darum, die gezielte Rückführung der nun ehemaligen Vertragsarbeiter:innen in ihre Entsendeländer durch finanzielle Unterstützungszahlungen zu befördern. Die gewandelte gesellschaftliche Situation in der DDR und die damit einhergehenden staatlichen Maßnahmen führten schließlich dazu, dass von den Ende 1989 registrierten etwa 59 000 vietnamesischen und 15 100 mosambikanischen Vertragsarbeiter:innen zum Zeitpunkt der deutschen Einheit lediglich noch 21 000 beziehungsweise 2800 in Ostdeutschland lebten.“

„30 Jahre Mauerfall, 30 Jahre deutsch-deutsche Vereinigung: Jahrestage wie diese sollten Anlass dafür geben, die kollektive Erinnerung neu zu sortieren und auszurichten, Orientierungen und Werte neu zu verhandeln. Erinnerungskultur muss deshalb mehr als nur die Mehrheitsgesellschaft im Gedächtnis behalten. Labor 89 offeriert intersektionale Perspektiven auf die Wendezeit. In acht Porträts erzählen politische Aktivistinnen* aus Schwarzen, People of Color- und/oder queer* feministischen Positionierungen über gesellschaftliche Kämpfe für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung. Sie loten die Möglichkeiten und Grenzen politischer Partizipation aus, erinnern an historische Ereignisse, Debatten, Aktionen und Community-übergreifende Projekte und füllen die Zeit zwischen Mitte der 1980er und Mitte der 1990er Jahre mit ihren Geschichte*n.“
„Im November 2019 jährte sich der Mauerfall zum 30. Mal. Trotz einer komplexen Geschichte ist die gängige Erinnerungskultur über die Wendezeit und die deutsch-deutsche Vereinigung von einer einseitigen Erzählung geprägt, die ein Bild des nationalen Erfolgs zeichnet. Soziale Umbrüche, aber auch Erfahrungen und Beiträge von Menschen und Communities, die nicht in dieses Bild passen, bleiben hierbei außen vor. Die neue Wechselausstellung im FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum betrachtet diese Geschichte aus der Sicht von Akteur*innen, die vor und nach dem Mauerfall für soziale Gleichstellung, gesellschaftliche Partizipation und für kulturelle, politische und sexuelle Selbstbestimmung kämpften. Labor 89 rückt Bewegungsgeschichten aus Ost und West, insbesondere aus Berlin, in den Vordergrund. Es sind Geschichte*n aus feministischen Perspektiven, die mit ihren Ereignissen, Rahmungen und Zeitlinien alternative Erinnerungsräume hervorbringen. Sie liegen oft quer zur offiziellen Geschichtsschreibung und machen damit zugleich die vielen, darin enthaltenen Leerstellen sichtbar.“
Anfang der 90er wollte ich einen Inder an der Universität Karl-Marx-Stadt besuchen. Er promovierte im Bereich künstliche Intelligenz. Wir waren befreundet, und ich fuhr mit dem Zug. Noch bevor der Zug abfuhr, saßen plötzlich lauter Skinheads im Abteil. Ich war zuerst dort gewesen. Sie diskutierten untereinander: ‚Wenn der Zug fährt, schließen wir die Tür, verprügeln diesen Afghanen oder schmeißen ihn aus dem Zug.‘
Was sollte ich in dieser Situation machen? Wenn ich aufgestanden wäre, hätten sie vielleicht tatsächlich Gewalt gegen mich angewendet. Ich dachte: Mut. Ich muss mutig sein und bleiben. Also blieb ich die ganze Zeit. Zwischen Freiberg und Chemnitz fragte mich der Schaffner während der Fahrt, ob ich mich nicht zu ihm setzen wolle. Ich sagte: ‚Nein, ich fühle mich eigentlich sehr wohl. Wir sind Freunde.‘
Die Angst bleibt aber im Inneren. Was soll man sagen? Ich war sprachlos. Das ist eine innere Reaktion auf diese Geschichte von Gewalt nach der Wende. Ab etwa 1994 hat sich die Situation ein bisschen normalisiert. Ein bisschen. Ja, es wiederholte sich nach der Entstehung von Pegida in Dresden: ‚Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes‘.
„Schwindel statt Freudentaumel, Ausschluss statt Einheit – der Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren wurde nicht von allen nur bejubelt. In migrantischen, Schwarzen und jüdischen Communities kamen Sorgen und Ängste auf. Rassistische Anfeindungen und körperliche Übergriffe begleiteten den Einheitsprozess und die Ausprägung eines neuen deutsch-deutschen Wir-Gefühls. ‘Anderen wurde es schwindelig.’ zeigte drei künstlerisch-dokumentarische Positionen, die sich mit Erfahrungen und Perspektiven von Schwarzen Menschen und People of Color, Jüdinnen und Juden und Migrant*innen auseinandersetzen. Damit spürte die Ausstellung Erinnerungen nach, die in vielen Wende-Erzählungen ausgelassen werden. Die in den Arbeiten versammelten Geschichten ergeben ein vielschichtiges Bild jenes zentralen Ereignisses der deutschen Zeitgeschichte.“
„1989 kommt es zur Vereinigung der DDR und BRD. Das Thema Asyl wird nun zum großen politischen Thema medial aufgebaut. 1992 tritt das Schengen Abkommen in Kraft. Innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten werden die Grenzen ihrer Bürger*innen geöffnet und für Nicht-EU-Staatsbürger*innen geschlossen. In diesem Prozess wird die Unterscheidung zwischen EU-Bürger*innen und Drittstaaten-Bürger*innen eingeführt und die legale Klassifizierung des ‚Asylbewerbers‘ tritt in Kraft. Die Medien kreieren und operieren mit einem rassistischen Klassifikationssystem, welches sich in großen Teilen der Bevölkerung verselbstständigt. 1993 kommt es zur Aushöhlung des Asylgesetzes. Das nach den Erfahrungen von Verfolgung und Flucht im zweiten Weltkrieg verbriefte Recht auf individuelles Asyl wird abgeschafft. Die rassistische Hetze in der Politik und in den Medien findet auch auf der Straße statt. Schwarze und People of Color, Migrant*innen und Menschen auf der Flucht werden angegriffen. Die rassistischen Angriffe auf Menschen am 24. August 1992 in Rostock-Lichtenhagen sowie der von zwei Nazis am 23. November 1992 verübte Mord an den zehn- und vierzehnjährigen Mädchen Yeliz Arslan und Ayse Yilmaz sowie ihrer 51-jährigen Großmutter Bahide Arslan in Mölln setzten die Konjunktur des Rassismus in Deutschland. Auch der rassistische Brandanschlag auf zwei Familienhäuser in Solingen am 29. Mai 1993, bei dem Gürsün Ince, Hatice Genc, Gülüstan Öztürk, Hülya Genc und Saime Genc ihr Leben verloren und weitere 17 Personen mit bleibenden psychischen und physischen Schäden verletzt wurden, unterstreicht diese Konjunktur des Rassismus.“

„Der Mauerfall vor 30 Jahren bedeutete eine gewaltvolle Zäsur für migrantisches und jüdisches Leben in Ost und West. Während die einen vereinigt wurden, wurden die anderen ausgeschlossen. Das vorliegende Buch möchte ausgegrenzte Perspektiven auf die deutsch-deutsche Vereinigung wieder sichtbar machen und an die Kämpfe um Teilhabe in den 1980er Jahren, einschneidende Erlebnisse um die Wende und die Selbstbehauptung gegen den Rassismus der 1990er Jahre erinnern. So beinhaltet der Band Geschichten von Bürgerrechts- und Asylkämpfen ehemaliger Gastarbeiter*innen, von Geflüchteten in BRD und DDR, Beiträge über den Eigensinn von Vertragsarbeiter*innen, von damaligen internationalen Studierenden, über jüdisches Leben in Ost und West sowie über die Kämpfe von Sinti und Roma im geteilten Deutschland.“
„Auch wir trugen die DDR voller Hoffnung zu Grabe“
„Die Deutschen kriegen das einfach nicht auf die Reihe, ob nun in der DDR oder in der BRD. Die sind im Zweiten Weltkrieg besiegt worden und sind deshalb immer noch stinksauer. Der Nazi ist noch drin und will wieder raus. Aber was mir nach der Wiedervereinigung passiert ist, war sehr viel krasser als das, was mir im Sozialismus passiert ist. 1991 habe ich meine erste Scheinhinrichtung erlebt, jahrelang musste ich damit rechnen, abgestochen zu werden. Organisationen wie die Deutsche Volksunion und die ‚Republikaner‘ waren plötzlich erlaubt. Nazis haben mit Granaten und echten Waffen im Wald geübt. Die Wiedervereinigung war eine Katastrophe für Menschen wie mich.“
2014 gab es die erste Demonstration am Altmarkt in Dresden. Es waren 350 Leute da, und ich stand mehr oder weniger als erster Gegendemonstrant dort. Ich hatte Julius Cäsar im Kopf: ‚Wehret den Anfängen!‘ Der ältere Polizist kam zu mir und fragte: ‚Was machen Sie hier?‘ Ich sagte: ‚Ich zeige mein Gesicht.‘ Er meinte: ‚Ja, aber wissen Sie: Wenn etwas passiert, sind Sie ein Provokateur. Sie provozieren diese Leute.‘ Da sagte ich: ‚Kein Problem. Wozu stehen Sie hinter mir? Ich habe Vollschutz hinter mir. Wenn mir etwas passiert, rennen Sie hinterher.‘ Er sagte: ‚Ah ja. Nein, wickeln Sie uns nicht in diese Angelegenheit ein.‘ Da waren 350 Leute da. Am nächsten Montag – der Montag war im Osten ein Kult, die Montagsdemo – waren es 500 Leute. Am übernächsten Montag waren es 1.000. So ging es weiter.
Der nächste größere Einschnitt, bei dem sich die Sprache wieder gegen Menschen richtete, gegen Geflüchtete und gegen alles, was nicht als biodeutsch interpretiert oder gelesen wird, war Pegida 2013/2014. Das war für mich besonders schlimm, das noch einmal zu erleben. Und das hat sich jetzt wiederholt. Jetzt wiederholt es sich mit Merz und Co. oder mit den ganzen AfDlern. Wobei ich nicht mehr weiß: Was ist AfD, was ist CDU?