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Wer ist liebenswürdig?

Meine jetzige Freundin hat auch einen Vater, der Amerikaner und Schwarz ist. Daran merke ich, dass mir das wichtiger ist, als ich früher gedacht hätte. Ich habe mich nicht in Lauren verliebt, weil sie Schwarz ist. Aber ich merke, dass wir andere Themen haben und viele Gemeinsamkeiten entdecken – zum Beispiel darin, wie wir aufgewachsen sind und welche Erfahrungen wir gemacht haben. Das konnte ich mit einer anderen Freundin, die solche Erfahrungen nicht gemacht hat, nicht teilen. Ich habe gemerkt, dass es schön und wichtig ist, sich darüber austauschen zu können. Mit den anderen habe ich über solche Themen nie gesprochen. Wenn ein solches Thema doch einmal aufkam, konnten sie es nicht verstehen oder nachvollziehen. Man kann es noch so oft erklären: Wenn man rassistisch beleidigt wurde, kann man versuchen zu erklären, was das bedeutet, aber es funktioniert nicht.

Noah García im Interview mit dem WueRD-Projekt

Was hat Liebe mit Rassismus zu tun?

Bei meiner vorherigen Freundin gab es einmal eine Situation auf einer Reise. Ich weiß nicht mehr genau, wie es war, aber ich wurde rassistisch beleidigt. Das hat mich sehr getroffen. Ich habe es ihr erzählt. Natürlich war sie erschüttert, aber sie konnte nicht wirklich nachvollziehen, was es bedeutet und was es mit einem macht, so etwas ständig zu erleben. Das kann man niemandem vermitteln, der diese Erfahrung nicht gemacht hat. Es geht einfach nicht.

Noah García im Interview mit dem WueRD-Projekt

Ich bin ein zwölf- oder dreizehnjähriges Mädchen gewesen und habe ein Auge auf einen 15- oder 16-jährigen Jungen geworfen. Ich habe es einer Freundin in der Schule erzählt. Sie hat es jemand anderem erzählt, und diese Person hat es dann der Schwester des Jungen erzählt, in den ich mich ein bisschen verliebt habe. Diese junge Frau – ich kann behaupten, dass sie ein Nazi gewesen ist. Sie hat eine Bomberjacke getragen, die typische Frisur der 90er-Jahre gehabt und die typischen Stiefel getragen. Für mich ist sie als zwölf- oder dreizehnjähriges Mädchen ein Nazi gewesen. Irgendwann ist sie zu mir gekommen und hat gesagt: ‚Du hast dich nicht in meinen Bruder zu verlieben.‘ Ich bin erst einmal schockiert gewesen. Ich bin 13 gewesen. Was meint die denn? Sie hat den Namen ihres Bruders genannt, und ich bin aus allen Wolken gefallen. Was habe ich mir in dem Moment eigentlich angetan? Als sie mich erwischt hat, stand ich vor einer Wand. Ich kann es bis heute nicht verstehen, aber laut Aussagen habe ich drei- bis fünfmal ins Gesicht geschlagen bekommen. Dann habe ich die Wand gespürt. Ich habe nichts anderes gemacht, als sie zu nehmen und mich irgendwie wegzudrehen. Ich bin ein zwölf- oder dreizehnjähriges Mädchen gewesen. Ich muss ehrlich sagen: Ich habe die Geschichte schon öfter erzählt, aber erst jetzt sind mir die Tränen gekommen. Ich habe eine Lieblingskette gehabt und die hat mir jemand weggezogen.

Daniela Viloria im Gespräch mit dem WueRD-Projekt

Als meine Mutter sich hat scheiden lassen, hat sie Angst gehabt. Der Deutsche hat gesagt: ‚Okay, du sprichst die deutsche Sprache nicht, du sprichst ja nur Spanisch. Du vertraust mir, wir lieben uns.‘ Er hat sie einen Ehevertrag unterschreiben lassen. In dem Ehevertrag hat gestanden, dass sie sich im Fall einer Scheidung von ihm mit uns, ihren zwei Mädels, aus Deutschland verabschieden müsste. Ich habe auch Angst bekommen. Am Ende ist meine Mutter dann bei der Ausländerbehörde gewesen. Dort hat man gesagt: ‚Wer ist dieser Mann, dass er Ihnen sagen kann, wo Sie zu leben haben und wo nicht? Sie wollen hierbleiben. Sie wollen nicht zurück. Sie können nicht zurück.‘

Daniela Viloria im Gespräch mit dem WueRD-Projekt

„Wenn binationale Paare heiraten wollten, benötigten sie für die Eheschließung das Einverständnis beider Staaten, und dies war weder in der DDR noch in den Entsendeländern ein mit Wohlwollen begleiteter Vorgang. Viele Beziehungen scheiterten an der staatlichen Willkür, manche deutsche Frau verleugnete gar den ausländischen Vater ihres Kindes, um den Männern Schwierigkeiten nach der Rückkehr ins Heimatland zu ersparen.“

Patrice G. Poutrus und Katharina Warda in ihrem Beitrag ‚Ostdeutsche of Color. Schwarze Geschichte(n) der DDR und Erfahrungen nach der deutschen Einheit‘, Aus Politik und Zeitgeschichte, 2022, bpb.de

„Mit Frau und Kind
Amílcar Cubillo lernt eine deutsche Frau kennen, mit der er ein Kind bekommt. Als das Ende seines Studiums naht und damit auch seine Aufenthaltsberechtigung in der DDR, heiraten die beiden. Nur so besteht die Chance, dass seine deutsche Familie mit nach Nicaragua kommen kann. Er kann nicht in der DDR bleiben. Nach fünf Jahren kehrt Amílcar 1988 zurück nach Nicaragua. Seine Frau und seine Tochter können ein halbes Jahr später aus der DDR ausreisen und zu ihm kommen.“

Amílcar Cubillo Medrano über sein Leben in der DDR im Rahmen der Online-Ausstellung ‚De-Zentralbild‘ —  dezentralbild.net

„Ein deutsch-kubanisches Kind – trotz allem
Bald zieht er zu ihr und geht nur noch gelegentlich ins Wohnheim. ‚Lilo war eine aufmerksame Frau! Wir haben uns gut verstanden, sehr gut. Das war meine erste Erfahrung mit einer Liebesbeziehung. Ich war 22 Jahre alt zu der Zeit. Sie war älter als ich.‘ Lilo wird schwanger und beschließt, das Kind zu bekommen, obwohl sie weiß, dass das mit Schwierigkeiten verbunden ist. Nach offizieller Logik sollen weder Vertragsarbeiterinnen schwanger werden, noch Vertragsarbeiter zu Vätern. Die Wirklichkeit ist anders. Auch Humbertos Freund Jorge Kindelán wird Vater. Immer mehr deutsch-kubanische Kinder kommen zur Welt. Eine Vaterschaft ändert jedoch nichts an der zeitlichen Begrenzung des Aufenthaltsrechtes. Dieses endet, wie es im Ausbildungs- und Arbeitsvertrag steht, nach vier Jahren.“

Humberto Cala Pérez über sein Leben in der DDR im Rahmen der Online-Ausstellung ‚De-Zentralbild‘, dezentralbild.net

Ich habe oft Diskussionen, auch mit meinem Mann. Ein alter, weißer, deutscher Mann, ja? Wir diskutieren über alle möglichen Begrifflichkeiten und darüber, wie die Dinge sind. Das ist auch nicht immer einfach. Er ist natürlich auf gar keinen Fall ein Rassist. Aber diese Begrifflichkeiten und all das sind irgendwie – das ist schon ein Thema.

Naema Werner im Interview mit dem WueRD-Projekt

„Ich will leben,
Wie ich es mir wünsche…
Schmerzlos, ohne Sorgen.
Ich will lieben,
Geliebt werden,
Wie es sich mein Herz erträumt…
Mit reinem Herzen
Möchte ich erfahren
Die Schönheit der Welt,
Schöne Menschen,
Ich will leben,
Wie es sich mein Herz erträumt…“

„Yaşamak istiyorum
Gönlümce…
Kedersiz, sorunsuz
Sevmek istiyorum
Sevilmek gönlümce
Tertemiz, kalpten…
Tanımak istiyorum
Tatlı dünyayı
Tatlı insanları
Yaşamak istiyorum
Gönlümce…“

Gedicht ohne Titel von Semra Ertan, 1982, erschienen im Buch ‚Semra Ertan. Mein Name ist Ausländer‘, edition assemblage, 2020
Josephine Apraku: ‚Kluft und Liebe‘, Buchtrailer, Eden Books, 2022,youtube.com

„Das wortlose Lieben. Die das Anerkennen transzendierende Liebe (in einen Blickwechsel eingelassen, in ein Gespräch, in eine Koketterie, in einer Berührung eingeschlossen, aus einer Berührung florierend, aus der Erwiderung eines Blickes) kennt den Anderen nicht. Die Liebe kennt die Liebende nicht. Die Liebe löst die Liebenden auf. Zweierlei ist dieser Auflösung zueigen. Weil sie ein Wagnis ist, erfordert sie Mut (und weil sie eine Kunst ist, erfordert sie Geschicklichkeit; das Geschick der temporalen Koordination, das der Dosierung, des Maßes). Wer sich in eine Zone wagt, in der das Regime der Anerkennung seine Gültigkeit verloren hat (eine Zone, die nur erreicht, wer das Reich der Anerkennung durchschreitet), und in einer Geste eine Einladung ausspricht, die abgewiesen wird, findet sich in einem doppelten Sinne verlassen vor: sozial unangebunden und in einer belächelbaren Weise von allen praktisch guten kategorialen Geistern, denen ja abgeschworen wurde, im Stich gelassen. Das Lieben ist ein Wagnis. Das Lieben ist zugleich eine Befreiung.“

Paul Mecheril: ‚Ach, Rassismus‘, transcript, 2026

Ich habe jetzt sehr, sehr viele Gespräche mit Lauren darüber geführt – auch in der Kennenlernphase und auch jetzt noch. Ich merke, dass es uns beide ungefähr gleich trifft, wenn wir Dinge sehen oder bemerken, die in diese Richtung gehen. Da haben wir schon sehr viele Gemeinsamkeiten. Und das ist schön.

Noah García im Interview mit dem WueRD-Projekt