1985 gründete sich die ‚Initiative Schwarze Menschen in Deutschland‘. Auch viele weitere selbstgegründete Vereine und Organisationen rassistisch diskriminierter Personen entstanden in dieser Zeit oder entwickelten sich in den Jahren danach. Dies verweist auf das politische Engagement für die Gestaltung gemeinsamer Räume, in denen Verbundenheit und Austausch im Fokus stehen.
Die ‚Initiative Schwarze Deutsche‘, später ‚Initiative Schwarze Menschen in Deutschland‘ (ISD) gründete sich 1985. Eine Gruppe Schwarzer Frauen, bestehend unter anderem aus Helga Emde, Eleonore Wiedenroth-Coulibaly und Christiana Ampedu, veranstaltete in jenem Jahr ein erstes Bundestreffen Schwarzer Menschen in Wiesbaden, woraus die ISD entstand. In den kommenden Jahren wurde sie immer größer. Auch ADEFRA, ein Kürzel für ‚Afrodeutsche Frauen‘, gründete sich Mitte der 1980er Jahre. Der Begriff ‚afrodeutsch‘ wurde von Audre Lorde und Schwarzen deutschen Frauen entwickelt, die in den 1980er Jahren zusammenkamen. 1986 veröffentlichten May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz aus diesem Kontext heraus das Buch ‚Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte‘. Es handelt sich um ein bedeutsames Werk der Auseinandersetzung mit Schwarz- und Frausein in der Geschichte Deutschlands.
Die ISD und ADEFRA bieten weiterhin vielfältige Räume des Austausches, in denen bedeutsame Wissensproduktion über Rassismus in Deutschland stattfindet. Zum 30-jährigen Bestehen der ISD etwa wurde im Jahr 2015 das Buch ‚Spiegelblicke – Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland‘ veröffentlicht, worin die Geschichten von über 50 Schwarzen Menschen erzählt werden. Von 1988 bis 1990 erschien die Zeitschrift ‚Afrekete‘ und behandelte Themen wie jenes, das der Titel der zweiten Ausgabe deutlich macht: ‚schwarzer feminismus?!‘. Von 1988 bis 1999 wurde zudem die Zeitschrift ‚afro look‘ herausgegeben. Beide Zeitschriften waren von Schwarzen Menschen für Schwarze Menschen konzipiert worden. Durch Zeitschriften wie ‚Afrekete‘ und ‚afro look‘ wurde für Menschen eine Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Logik des Rassismus, seiner Geschichte und der eigenen Betroffenheit von Rassismus möglich und konnte vertieft werden. Zudem schufen die Zeitschriften Wissensarchive und -speicher. Sie können auch heute in Bibliotheken gelesen werden.
Die vom WueRD-Projekt interviewte Meral Rizani erklärt, dass sie sich in ihrem Leben immer wieder in soziale Zusammenhänge begeben hat, in denen ein Austausch über Rassismus möglich wurde und gleichzeitig auch Momente der Freude entstehen konnten. Meral Rizani erzählt davon, dass sie in Gruppen, deren Teil sie war, in den 1990er Jahren Flugblätter geschrieben, an Demonstrationen teilgenommen und eine Zeitschrift mit herausgegeben hat. Der 1936 geborene Journalist Jose Punnamparambil berichtet in einem Gespräch mit dem Projekt WueRD von der Zeitschrift ‚Meine Welt‘, die er 1984 gegründet hat, um Lebensrealitäten indischer Migrant*innen in Deutschland sichtbar zu machen. Hier wird deutlich, dass es in den 1980er Jahren und 1990er Jahren notwendig war, Wege zu erarbeiten, wie Menschen erreicht werden können, die Rassismus erleben. Gedruckte und kopierte Dokumente aus Papier stellten einen möglichen und wichtigen Weg dar, wovon auch Ricky Reiser berichtet, die ‚afro look‘ mitherausgegeben hat.
Die von Meral Rizani genutzten und geschaffenen Räume wie auch die weiteren in den Spurenelementen dargestellten Stimmen, Vereine und Initiativen zeigen eindrücklich, wie Wissen über Rassismus als gemeinschaftlich hergestelltes Wissen entsteht. Es entstehen Orte, an denen Erfahrungen miteinander geteilt, eingeordnet und in Gesellschaftsanalyse und -kritik übertragen werden können. Gleichzeitig sind es Orte, die unbehelligt sind von weißen Blicken und Bewertungen der Mehrheitsgesellschaft. Es sind Orte, an denen es auch möglich ist, Momente der Leichtigkeit zu erleben. Die Gründung von Vereinen und das Schreiben von Büchern durch rassismuserfahrene Personen stehen auch für Widerstand gegen Rassismus und die Produktion von widerständigem Wissen, das weitergegeben werden kann. Dies bildet bis heute eine Grundlage für politische Arbeit, Erinnerung und Selbstermächtigung.