Viele in Deutschland lebende Menschen machen Erfahrungen der Herabwürdigung, der Zurücksetzung und Diskriminierung. Rassismuserfahrungen spiegeln gesellschaftliche Strukturen. Das Wissen von Menschen, die Rassismus erleben, kann als Wissen über Gesellschaft und ihre Geschichte verstanden werden. Die Ausstellungsplattform ‚Wissen über Rassismus‘ geht 2026 online und macht Rassismus als Bestandteil von Gesellschaftsgeschichte kritisch sichtbar.
Marcus Adu erzählt in einem Interview, das im Rahmen des WueRD-Projektes geführt wurde, von der (potentiellen) Erfahrung körperlicher Gewalt und versteht die Bedingungen dieser Erfahrung als Teil deutscher Verhältnisse und Geschichte: „Alles deutsche Geschichte“. Damit unterstreicht er, dass Rassismus durchgängiger Teil deutscher Nachkriegsgeschichte ist. Anders als Marcus Adu und viele andere Menschen, die in Deutschland Rassismuserfahrungen machen, wurde das Wissen, dass Rassismus kontinuierlicher Bestandteil deutscher Geschichte ist, politisch und gesamtgesellschaftlich jedoch häufig nicht zur Kenntnis genommen oder abgewehrt. Die Historikerin Maria Alexopoulou stellt in ihren Arbeiten heraus, dass die Gründung der Bundesrepublik Deutschland mit dem Versuch und starken Wunsch verbunden war, die Idee eines Neuanfangs in Form der sogenannten ‚Stunde Null‘ Wirklichkeit werden zu lassen. Die nationalsozialistische Vergangenheit sollte als abgeschlossen gelten und auch so verstanden werden. Auch die Deutsche Demokratische Republik nahm für sich ein antifaschistisches, vom Nationalsozialismus befreites Selbstbild in Anspruch. Sowohl BRD als auch DDR kennzeichnete damit das Selbstverständnis, Rassismus überwunden zu haben. Sowohl in der BRD als auch in der DDR erlebten Menschen dennoch Rassismus, der häufig und lange nicht kritisch angesprochen werden konnte. Auch heute wird Rassismus weiterhin oft nicht als ein Teil der gesellschaftlichen Normalität in Deutschland anerkannt, der kritisiert und bekämpft werden sollte. Rassismus wird häufig auch weiterhin vor allem als Einstellung einzelner Personen verstanden. Er wird also häufig nicht als ein grundlegendes Problem der ganzen Gesellschaft betrachtet, das damit alle Menschen, wenn auch ganz unterschiedlich, betrifft.
Menschen, die Rassismuserfahrungen machen, haben ein Wissen über Rassismus entwickelt und damit auch ein zeithistorisches Wissen über Deutschland, also ein Wissen über die deutsche Geschichte der letzten Jahrzehnte. Die Erfahrungen von Menschen, die Rassismus erleben, geben Aufschluss über diese Gesellschaftsgeschichte Deutschlands. Welche Erfahrungen gemacht wurden und werden, wie sie erzählt werden können oder nicht, welche Räume des Mitteilens von Erfahrungen und der Wissensaneignung es (nicht) gibt, zeigt, wie sich der Rassismus gewandelt hat. Dies verweist auch auf Kontinuitäten des Rassismus, die die drei Deutschlands, also die DDR, die BRD bis 1990 und die neue BRD, charakterisieren.
Erfahrungen von Menschen sind selten nur allein Einzelereignisse. Sie entstehen meistens in den gesellschaftlichen Verhältnissen, die sie überhaupt erst möglich machen. Das heißt beispielsweise: Migrant*innen, die als illegale Migrant*innen bezeichnet werden, haben in der Tendenz in den USA unter der Regierung Obama zwar auch negative, aber weniger bedrohliche Erfahrungen gemacht als unter der Regierung Trump. Erfahrungen haben viel zu tun mit der politischen und gesellschaftlichen Situation an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit und sind nicht nur individuell.
Aus der Wiedergabe von Rassismuserfahrungen ergibt sich eine bedeutsame Sammlung von Wissen über Rassismus und seine Geschichte in Deutschland. Menschen, die rassistisch diskriminiert werden (können), verfügen über Wissen über Rassismus, sammeln und teilen dieses in Briefen, Aufzeichnungen und Erzählungen. Diese Dokumente sind wichtige Quellen des rassismuskritischen Wissens über Zeitgeschichte. Es muss jedoch zum Teil erst aufgespürt werden, da es verdrängt und oft nicht anerkannt wurde und wird. Auf der Ausstellungsplattform ‚Wissen über Rassismus‘ sind 45 solcher Spuren des Wissens über Rassismus versammelt, die aufzeigen, wie dieses Wissen seit den 1980er Jahren in der DDR sowie in der alten und neuen BRD angeeignet, gesammelt, archiviert, geteilt und sichtbar gemacht wurde.
Dass rassismuserfahrene Personen, ihr Erleben und Wissen, Teil Deutschlands und deutscher Geschichte sind, ist die Grundannahme des Buchs ‚Deutsche Geschichten‘, herausgegeben 1996 von Paul Mecheril, Professor für Erziehungswissenschaft. Es umfasst, so macht der Untertitel deutlich, Erzählungen von Menschen unterschiedlicher Herkunft, die in Deutschland leben und deren Alltag auch aufgrund rassistischer Zuschreibungen mit spezifischen Schwierigkeiten verbunden ist. Auch das Projekt ‚Deùtşche Gešchıćhte(n)‘, aus dem die Broschüre ‚Deùtşche Gešchıćhte(n) – Zugänge junger Menschen zu Geschichte in der Migrationsgesellschaft‘ hervorging, geht von dieser Grundannahme aus. Es hat 2006 mit Unterstützung des Mädchentreffs Bielefeld Seminare und Workshops mit Jugendlichen durchgeführt, in denen unter anderem Migrationsgeschichte(n) thematisiert wurden. Güler Arapi hält in ihrem Bericht über einen von ihr durchgeführten Workshop fest, welches Wissen teilnehmende Jugendliche über rassistisches Erleben in Deutschland erworben und im Workshop zusammengetragen haben. Es ist ein Wissen, das im Erleben der Jugendlichen bis dahin weniger als Wissen über gesellschaftliche Verhältnisse verstanden wurde. Der Workshop wurde damit zu einem damals noch ungewöhnlichen Ort an dem die Erfahrungen der Jugendlichen auch als Wissen über etwas Allgemeines anerkannt wurde. Hier konnte verstanden werden, dass dieses Wissen ein Wissen über deutsche Geschichte ist.
Einer der ersten deutschsprachigen Rapsongs, der Rassismus thematisiert hat, ist ‚Ahmet Gündüz‘ von ‚Fresh Familee‘ aus den späten 1980er Jahren. Seither ist der Track nicht nur oft aufgegriffen worden, sondern wurde durch weitere Teile ergänzt, sodass sich in gewisser Weise eine Geschichte entwickelt hat. Zuletzt erschien 2023 der fünfte Teil mit dem Titel ‚Emre Gündüz‘ mit dem Rapper Eko Fresh. Die fiktive Figur Ahmet Gündüz hat inzwischen einen Sohn, der im Song seine Rassismuserfahrungen und die seines Vaters schildert. Dieses musikalische Werk macht deutlich und spürbar, wie Wissen über rassistische Wirklichkeit von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird und ist Teil einer kritischen Geschichtsschreibung deutscher Zeitgeschichte.
Schwarzen deutschen Biographien und Geschichten widmete sich etwa die Ausstellung ‚Homestory Deutschland‘ zwischen 2006 und 2014. ‚Homestory Deutschland‘ sowie weitere der in dieser Spur dargestellten Initiativen und Projekte tragen zu einer migrationsgesellschaftlichen und rassismuskritischen Geschichtsschreibung Deutschlands bei. In Köln wird voraussichtlich 2029 das Museum Selma eröffnet werden, ein neues Museum des heute schon bestehenden ‚Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland‘ (DOMiD). Das Anliegen des Museums Selma besteht darin, Erfahrungen von Migrant*innen und ihren Nachkommen, Schwarzen Menschen und People of Color, die in der Erinnerungskultur in Deutschland häufig nicht vorkommen, sichtbar zu machen.