Rassismus stellt Ungleichheit unter Menschen her. Nicht jedes Leben wird dann gleich viel beachtet. Nicht jedes Leben, das zu Ende gegangen ist, wird in einer von Rassismus geprägten Gesellschaft gleich viel betrauert. Auch steht die Trauer rassismuserfahrener Menschen zuweilen in Verdacht, unangemessen zu sein. Die Stadt Hanau stellte 2025 die Trauer von Emiş Gürbüz als unpassend dar, die sie bei einer Gedenkveranstaltung in der Erinnerung an ihren in Hanau in Zuge rassistischer Gewalt ermordeten Sohn Sedat Gürbüz zum Ausdruck brachte.
Jeden Tag sterben im Mittelmeer Menschen bei dem Versuch in die Europäische Union zu gelangen, um ein gutes, ein besseres Leben zu leben. Jeden Tag sterben Menschen unnötigerweise an heilbaren Krankheiten, an Hunger, in Kriegen, für die sie nicht verantwortlich sind, und unter vielen weiteren Umständen, die mit der enorm ausgeprägten Ungleichheit und Ungerechtigkeit auf unserem Planeten zusammenhängen. Sie sterben, weil nicht alle Menschen im Lotto um die Geburt am richtigen Ort und in die richtige Staatsbürgerschaft das große, das richtige Los gezogen haben. Das Los, das einigen Menschen qua Gesetz ein Leben an einem Ort wie Deutschland zuspricht, an dem es wahrscheinlich ist, ein halbwegs gutes Leben führen zu können. Eine Funktion des Rassismus besteht darin, dass globale Ungerechtigkeit und das Leid von nicht-weißen Menschen in entfernten, armen Ländern in den eher reichen Ländern wie Deutschland nicht als ungerecht erlebt wird, nicht traurig und wütend macht. Jeden Tag sterben Menschen, weil es Rassismus und rassistische Gewalt gibt. Das Sterben umgibt uns, das Töten umgibt uns, und doch oder gerade deshalb wird das Sterben nicht immer und nicht von jedem betrauert. Dies gilt oft sogar auch dann, wenn Menschen ganz in der Nähe in Deutschland durch rassistische Gewalt zu Tode kommen.
In der Nacht auf den 23. November 1992 verstarben drei der Mitglieder der Familie Arslan bei einem rassistischen Brandanschlag in Mölln und weitere Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Bei einer darauffolgenden Bundes-Pressekonferenz im November 1992 wurde der Sprecher der Bundesregierung, Dieter Vogel, darauf angesprochen, dass der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl nicht an den Trauerfeiern in Mölln teilgenommen hatte. Daraufhin äußerte Dieter Vogel, dass der Bundeskanzler „wichtige Termine“ habe und die Regierung nicht „in einen Beileidstourismus ausfallen“ wolle. Das Gedenken wurde auf diese Weise als politisch unwichtig dargestellt. Die Tat galt nicht als Teil eines gesamtgesellschaftlichen Problems, sondern wurde als Sonderereignis interpretiert. Zudem zeigt die Äußerung des Regierungssprechers die Ungleichheit und die Rangordnung des Trauerns: Wessen Tod wird betrauert? Wer wird nicht betrauert? Wessen Trauer ist angemessen, wessen Trauer ist unangemessen? Die Mitglieder der Familie Arslan wurden von der Bundesregierung nicht betrauert. Ihr Tod war für die Regierung wohl kein Verlust.
Sedat Gürbüz und acht weitere Menschen wurden am 19. Februar 2020 in Hanau bei einem rassistischen Anschlag ermordet. Emiş Gürbüz, die Mutter von Sedat Gürbüz, hielt 2025 bei der Gedenkveranstaltung zum 5. Jahrestag eine Rede. Sie äußerte sich kritisch zum politischen Umgang mit der Tat und hat der Stadt Hanau eine Mitverantwortung für die tödlichen Ereignisse zugeschrieben. Die Koalition aus SPD, CDU und FDP im Stadtrat von Hanau stufte ihren Beitrag als respektlos ein und warf ihr eine Instrumentalisierung der Tat vor, also, dass die Mutter die Gedenkfeier für ihren ermordeten Sohn für ihre eigenen Zwecke missbrauchte. Zukünftige Gedenkveranstaltungen seien aus diesem Anlass in kleinerem Rahmen abzuhalten, so folgerten die Politiker*innen. In einer E-Mail an Emiş Gürbüz wurde ihr von der Stadt mitgeteilt, ihr Sohn würde ihr vermutlich eine andere Form der Trauer wünschen und ihre Trauer solle nicht dafür genutzt werden, Hass zu schüren.
Die Politiker*innen waren empört darüber, dass Frau Gürbüz Wut darin empfindet, dass ihr Sohn aufgrund rassistischer Gewalt sterben musste. Für diese Politiker*innen steht nicht die Empörung über den Tod im Fokus – ihre eigene Empörung über die Form, in der die Mutter des Opferns, ihre Trauer auch als politische Kritik zum Ausdruck bringt, überwiegt hier. Wie aber kann der Verlust eines Menschen, der gewaltvolle Tod eines einem unbekannten Menschen und noch viel mehr der rassistisch erwirkte Tod eines geliebten Menschen, nicht wütend machen? Denn dieser Tod ist Ausdruck gesellschaftlicher Gewaltverhältnisse. Insofern ist Trauer über die Opfer rassistischer Gewalt immer auch eine Form der Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse, die diese Gewalt nicht verhindert und darin ermöglicht.
Das Betrauern der Verstorbenen ist auch immer eine bestimmte Art und Weise des Erinnerns. Es geht um das Erinnern an die verstorbene Person und, bei rassistischer Gewalt, um das Erinnern an rassistische Gewalt. Auch geht es darum aufzuzeigen, dass alle Menschen sich in einer Gesellschaft dafür verantwortlich fühlen sollten, dass solche Taten nicht passieren. Es ist die Erinnerung daran, dass die Gesellschaft sich ändern muss, um rassistische Morde zu verhindern. Die vom im Rahmen von WueRD befragten Personen betrauern den Tod von Menschen, die ihnen bis zu ihrer Ermordung unbekannt waren. Sie betrauern den Tod von Menschen, die aufgrund von rassistischer Gewalt starben. Sie wissen, dass auch ihnen selbst eine solche tödliche rassistische Aggression zustoßen kann. Sie wissen, dass die Gewalt ihnen selbst gilt, weil sie wissen, dass sie selbst durch die Taten mit gemeint sind. Sie betrauern, dass Menschen aufgrund rassistischer Verhältnisse sterben müssen und sie und ihre Angehörigen jederzeit von dieser Gewalt betroffen sein können. Sie betrauern, dass rassismuserfahrenen Menschen kein sicheres Leben in Deutschland möglich ist. Ein Umstand, auf den auch Emiş Gürbüz hinwies. Dafür haben die Hanauer Politiker*innen ihr einen Regelverstoß vorgeworfen und angekündigt sie in Zukunft auszuschließen. Die öffentliche Solidarität mit Emiş Gürbüz unterstreicht, dass es nicht akzeptiert werden kann, wenn Trauer, die auch eine Form der Kritik ist, kontrolliert und sanktioniert wird.