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Schulisches Erleben

Ich habe kein Abi gemacht. Bei uns durften in der Schule ja immer nur bis zwei Abi machen, und dazu habe ich bestimmt nicht gezählt. Mit 16 bin ich aus der Schule gekommen. Dann habe ich eine Lehrstelle bekommen.

Memo Meier im Gespräch mit dem WueRD-Projekt

Einheitlich. Sozialistisch. Das Bildungssystem der DDR. Aber einheitliche Bildung hieß bei Weitem nicht gleiche Bildung für alle. Über den Weg zum Abitur in der DDR. Wer ihn beschreiten durfte und wer nicht.

„Das Erziehungsprogramm im Sinne des Staates fing schon in der Kinderkrippe an – und zog sich über die Schule bis hin zur Berufsausbildung und zur Universität. Kernstück des Schulsystems war die Polytechnische Oberschule (POS), die in drei Stufen aufgeteilt war: die Unterstufe von der ersten bis zur dritten Klasse, die Mittelstufe vom vierten bis zum sechsten Schuljahr und die Oberstufe von der siebten bis zur zehnten Klasse. Ein Teil der Schüler durfte nach der achten Klasse (in den 1980er-Jahren nach der zehnten) auf die Erweiterte Oberschule (EOS) wechseln, wo sie das Abitur erlangen konnten. Doch der Zugang war stark beschränkt: Bis 1990 galt von der DDR-Regierung die Vorgabe, dass nur zehn Prozent eines Jahrgangs Abitur machen durften. Zusätzlich hatten rund fünf Prozent der Schüler eines Jahrgangs die Möglichkeit, eine Berufsausbildung mit Abitur zu absolvieren. Maßgebend war dafür außerdem in der Regel ein Notendurchschnitt von 1,7 oder besser. Aber nicht nur die Noten spielten bei der Auswahl eine Rolle. Auch welche politische Einstellung ein Schüler hatte und aus welchem sozialen Umfeld er kam, waren Kriterien. So half es zum Beispiel, sich in der Jugendorganisation FDJ zu engagieren, an der Jugendweihe teilzunehmen oder auch den Berufswunsch Offizier oder Lehrer zu haben. Oppositionell eingestellten und kirchlich engagierten Jugendlichen wurde der Weg an die EOS hingegen oft verwehrt.“

MDR, ‚Gleiche Bildung für alle? Abitur in der DDR‘, 2019, mdr.de

Welche Bedeutung hat(te) Rassismus in deinem Schulalltag?

Ich bin dann da zur Schule gegangen, und ich weiß nicht wann es mir das erste Mal aufgefallen ist, aber man kriegt schon irgendwann dann ein Gefühl dafür, dass man anders ist.

Obum Müller im Interview mit dem WueRD-Projekt
Gedicht von Mustafa Musab Ünver, Schüler einer 7. Klasse in NRW

„[Es gab] in den Jahren zwischen dem Ende meiner Schulzeit und dem Ende der DDR auch Episoden und Ereignisse, die ich mir nicht erklären konnte. Warum wollten unbekannte Menschen meine Haare berühren? Warum erwarteten Lehrer und Mitschüler, dass ich ein besonders guter Sportler oder talentierter Tänzer sein musste?“

Der Historiker Patrice G. Poutrus im Beitrag mit Katharina Warda ‚Ostdeutsche of Color. Schwarze Geschichte(n) der DDR und Erfahrungen nach der deutschen Einheit‘, Aus Politik und Zeitgeschichte, 2022, bpb.de

Egal, was passiert ist: Wir haben genau den gleichen Mist gebaut wie andere Kinder und andere Schüler auch. Aber der Wiedererkennungswert war bei uns höher, und deshalb haben wir öfter Ärger bekommen. Ich glaube auch, dass man darum dann gesagt hat: ‚Wir sind die Störenfriede.‘ Wir waren diejenigen, die entweder zu spät kamen oder Mist gebaut haben, Klingelstreiche gemacht haben oder auf Dächern herumgeturnt sind. Die anderen Kinder wurden meistens nicht erkannt. Wir sind herausgestochen. Entweder sind die Leute dann bei meinen Großeltern gelandet und haben sich bei ihnen beschwert oder in der Schule.

Obum Müller im Gespräch mit dem WueRD-Projekt

Es muss auf jeden Fall vor den Anschlägen gewesen sein. In dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, gab es eine Nazidemo. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich etwas machen muss. Interessant war, dass meine Freundin – eine weiß-deutsch positionierte Freundin – sagte: ‚Das geht nicht. Die wollen hier demonstrieren, wir müssen etwas dagegen machen.‘ Unser Klassenlehrer erlaubte uns, von Klasse zu Klasse zu gehen und anzukündigen, dass wir eine Demo organisieren wollten – einen Marsch von der Schule bis zu einem bestimmten Ort. Ich fand es interessant, dass unser Klassenlehrer uns erlaubt hat, während seines Unterrichts herumzugehen und den Klassen zu sagen: ‚Wir wollen etwas organisieren, unterstützt uns.‘ Bitter war dann, dass wir nach der sechsten Schulstunde dort gewartet haben und außer uns beiden niemand da war. Diese Erinnerung ist mir gerade wieder durch den Kopf gegangen. Da war dieses Bedürfnis, etwas zu machen, und gleichzeitig hatten wir Unterstützung bekommen. Aber die Hoffnung, dass viele kommen würden, die das ebenfalls ungerecht finden und sich gegen Nazis positionieren, hat sich nicht erfüllt. Wir haben es dann trotzdem gemacht. Es war, glaube ich, eine angekündigte Gegendemonstration, der wir uns angeschlossen haben. Von der Schule waren aber nur wir beide dabei.

Meral Rizani im Gespräch mit dem WueRD-Projekt

Ausländische Kinder in der Schule: Bildungspolitik und Schulsituation

„Die schulische Situation migrantischer Kinder in den 1970er und 1980er Jahren ist eng mit migrations- und bildungspolitischen Entscheidungen dieser Zeit verbunden. Die Kultusministerkonferenz (KMK) formulierte bereits Mitte der 1960er Jahre sowie erneut 1971 das Ziel, die schulische Integration der Kinder von Arbeitsmigrant*innen zu fördern, andererseits eine möglichen Rückkehr in die Herkunftsländer zu erleichtern (vgl. Krüger-Potratz 1999). Diese doppelte Orientierung folgte keinem pädagogischen Konzept, sondern war Ausdruck eines politischen Kompromisses, der Verantwortlichkeiten zwischen Deutschland und den Herkunftsländern verschob. Die konkrete Umsetzung wurde den Bundesländern überlassen und führte zu unterschiedlichen Formen separierter Beschulung: National-, Vorbereitungs-, Übergangs-, Intensiv- oder Ausländerklassen an deutschen Schulen, in denen der Anteil des Deutsch- und des Herkunftssprachenunterrichts variierte, ebenso wie die Einflussnahme der Herkunftsländer auf die Ausgestaltung dieses Unterrichts.   

Allen Beschulungsformen gemein war aber, dass die Qualität des Unterrichts durchgängig ungenügend und nicht darauf ausgerichtet war, die ‚Handlungsfähigkeit‘ der ausländischen Schüler*innen zu unterstützen (vgl. Kalpaka 1984: 52). Viele Schüler*innen blieben so ein, zwei und mehr Jahre hinter ihrer eigentlichen Klassenstufe zurück (vgl. S. Gerstenmeyer/Hamburger 1974: 286) oder mussten die Schule ohne Abschlüsse verlassen (vgl. Spiegel vom 28.10.1978).“

Çağrı Kahveci und Juliane Karakayalı in ihrem Beitrag ‚Blick zurück nach vorn: Überlegungen zur Geschichte pädagogischer Diskurse und antirassistischer Kämpfe migrantischer Elternvereine im Kontext Schule‘, 2026

Meine Eltern waren bei den Elternabenden immer anwesend. Sie haben dann tatsächlich gesagt: ‚Elif hat das Gefühl, dass sie beim Lesen nicht fair benotet wird. Das ist ihr sehr wichtig.‘ Am nächsten Morgen wurde ich zum Rektor gerufen. Er hat mich angeschrien und gefragt, wer ich glaube, wer ich sei. Er sagte, ich wäre keine Lehrerin. Das werde ich nie vergessen. Ab da habe ich angefangen, ins Bett zu nässen. Das war in der vierten Klasse. Ich habe das nie verarbeitet.

Elif Deniz im Gespräch mit dem WueRD-Projekt

„Eine umfassende Geschichte der migrantischen Elternvereine wurde noch nicht geschrieben und was geschrieben wurde, wurde zum Teil nie auf Deutsch veröffentlicht. Insofern können auch wir hier nur sehr kursorisch auf diese Geschichte eingehen. Der erste Elternverein bundesweit, von dem wir Kenntnis haben, ist der griechische Elternverein Kornwestheim, der 1965 gegründet wurde, also bereits vier Jahre nach dem Abschluss des Anwerbeabkommens mit Griechenland. Auch existierten 1965 bereits 52 griechische Grundschulen, die in den meisten Fällen von griechischen Migrant*innen gegründet und z.T. auch durch sie finanziert wurden (Kalpaka 1984: 63). Daran zeigt sich, dass bereits in den ersten Jahren der Anwerbung Familien mit schulpflichtigen Kindern nach Deutschland kamen, die ein großes Interesse an Bildung für ihre Kinder mitbrachten. Und es ist ein Beispiel dafür, dass das seit Jahrzehnten behauptete Desinteresse migrantischer Eltern an Bildung eine Erfindung ist. […] Herwartz-Emden zitiert eine von Borris 1974 durchgeführten Studie, laut der viele türkische Eltern durch Schichtarbeit, Überstunden und Nebenbeschäftigungen stark belastet sind und dennoch drei Viertel der befragten Arbeiter*innen angeben, an Elternabenden in der Schule teilzunehmen (ebd., S. 20).“

Çağrı Kahveci und Juliane Karakayalı in ihrem Beitrag ‚Blick zurück nach vorn: Überlegungen zur Geschichte pädagogischer Diskurse und antirassistischer Kämpfe migrantischer Elternvereine im Kontext Schule‘, 2026

„Die Mutter starb früh, Marion Kraft war gerade zwölf Jahre alt. Sie lebte nun bei der Großmutter, die ihr in der Schulzeit ein großer Rückhalt war. ‚Sie hat immer gesagt, ‚du bist so richtig wie du bist. Aber du musst besser sein als die anderen‘. Das ist schon fast eine traumatische Erfahrung gewesen. Selbst wenn ich tatsächlich noch besser als die anderen war, bekam ich in der Volksschule immer die schlechteren Noten.‘ Die Oma ‚marschierte‘ dann regelmäßig in die Schule und hat ‚gekämpft, oft auch gewonnen‘, erinnert sich die heute 74-Jährige.“

Die Autorin Marion Kraft im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur, 2021,   deutschlandfunkkultur.de

Wenn es in der Schule Ärger gab, weil ich jemanden verprügelt hatte, nachdem er mich rassistisch beleidigt hatte, bekam am Ende ich den Ärger. Weil ich mich nicht zusammengerissen hatte und derjenige gewesen war, der den anderen verprügelt hatte. Keiner hat gefragt: ‚Wie lange ging das denn schon? Oder was ist dem vorausgegangen?‘ Wenn davon die Rede war, wurde mir gesagt, ich solle mich nicht so haben. Das sei ja nicht so schlimm. Darüber verliert man natürlich auch das Vertrauen in die Älteren, in diejenigen, die für einen zuständig sind.

Obum Müller im Gespräch mit dem WueRD-Projekt

An eine Szene erinnere ich mich, die ich erst viel später verstanden habe. Meine Klassenlehrerin mochte ich wirklich sehr. Sie hat mich immer unterstützt und war sehr nett. An der Grundschule gab es einmal einen Vorfall mit Flöhen. Frau Kuhlmann kam herein und erzählte davon. Als Erstes untersuchte sie meinen Kopf. Damals habe ich das nicht verstanden. Heute verstehe ich, warum sie das getan hat. Obwohl sie sehr nett war und mich unterstützt hat, war auch sie von rassistischen Denkmustern geprägt.

Bassam Haddad im Interview mit dem WueRD-Projekt

„Viele Bildungseinrichtungen sind für marginalisierte Gruppen kein sicherer Ort. Es mangelt an Präventions- und Schutzmaßnahmen. Zum einen braucht es eine verpflichtende Sensibilisierung von Lehrkräften, Pädagog*innen und Sozialarbeiter*innen. Zum anderen müssen Anlaufstellen für Schüler*innen und Studierende geschaffen werden, an die sich Betroffene wenden können.“

‚Gemeinsamer Bericht des Meldestellenverbundes NRW für 2025‘ aus dem Jahr 2026, nbg1.your-objectstorage.com

„Als Verursacher*innen von Rassismus werden in den Meldungen häufig Einzelpersonen benannt. Am häufigsten handelt es sich in 31 % der Fälle um unbekannte Personen. Zu den bekannten Verursacher*innen gehören Kolleg*innen und Arbeitgeber*innen mit jeweils 13 %. Auch Mitarbeitende aus Behörden und Verwaltungen (7 %) sowie Lehrpersonen (6 %) üben Rassismus und Diskriminierung aus. Dass vorwiegend Einzelpersonen (63 %) gemeldet werden und seltener verursachende Mechanismen, z. B. Normen und Praxen, Lehrmaterialien oder öffentliche Diskurse etc., ist vor dem Hintergrund der Meldestruktur zu betrachten. Rassismus wird häufig dann gemeldet, wenn konkrete Personen benannt werden können. Strukturelle Formen von Rassismus bleiben daher tendenziell unterrepräsentiert.“

‚Die häufigsten Verursacher*innen (Anti-Schwarzer Rassismus, antiasiatischer Rassismus und weitere Formen von Rassismus) in Prozent‘ im ‚Gemeinsamen Bericht des Meldestellenverbundes NRW für 2025‘ aus dem Jahr 2026, nbg1.your-objectstorage.com
Karim Fereidooni: ‚Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen im Schulwesen. Eine Studie zu Ungleichheitspraktiken im Berufskontext‘, Springer VS, 2016, https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-13616-1 
Saphira Shure: ‚De_Thematisierung migrationsgesellschaftlicher Ordnungen. Lehramtsstudium als Ort der Bedeutungsproduktion‘, Beltz Juventa, 2021, https://beltz.de/fachmedien/erziehungswissenschaft/de-thematisierung-migrationsgesellschaftlicher-ordnungen/BEL445753 

Schule

„Schule 
Hanau
Kollegen schweigen.
Keine Reaktion.
Hanau
Nicht wichtig.
Einfach egal.
Hanau
Niemand sieht den Schmerz.
Nicht ein Wort wert.
Hanau
Karneval
Kräftig feiern! Dienstanweisung!
Hanau
Betrifft sie nicht.
Ich bin alleine.
Hanau
Mein Herz blutet.
Ich leide und weine.
Hanau
Tränen im Lehrerzimmer.
Nicht gern geseh’n.
Hanau
Alles bei allen wie immer.
Für mich jeden Tag schlimmer.
Hanau
Unverständnis.
Einzelfall.

A. Bahadori in ‚Texte nach Hanau‘, Stolzeaugen.books, 2020

„Es gibt keine Räume, die frei sind von Rassismus. Es gibt keine Schule ohne Rassismus.“

Karim Fereidooni, ‚Es gibt keine Schule ohne Rassismus‘, tagesschau.de, 2019, tagesschau.de

„Und da haben sich so viele Sachen aufeinander zugespitzt, da bin ich einfach durchgedreht. Ich habe einfach diesen Zettel geholt. Ich hab erstmal rumgebrüllt, ich war echt so (lacht) man hat ja auch noch den ganzen Druck. Das Abi steht ja vor der Tür und so. Und dann hast du/musst du auch noch mit deinen Lehrern kämpfen. Und dann meinte ich so: ‚Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr. Meine ganze Energie ist weg über die Jahre. Es ist nichts mehr übrig. Und ich geh jetzt. Ich komm auch nicht mehr wieder‘ und dann bin ich auch nicht mehr wieder hingegangen.“

Feraye, interviewt im Rahmen von Liesa Rühlmann: ‚Race, Language, and Subjectivation. A Raciolinguistic Perspective on Schooling Experiences in Germany‘, Springer VS, 2023

Ich bin noch nie richtig verprügelt worden. Ich bin dem immer entkommen oder konnte mich herauswinden. Natürlich hatte ich Angst, wenn ich vor den Nazis wegrennen musste. Zum Beispiel hätte ja auch auf dem Schulweg etwas passieren können. Manchmal war es komisch, aber ich bin zu der Zeit auch nicht gern zur Schule gegangen, abgesehen davon, dass man in dem Alter ohnehin nicht gern zur Schule geht.

Sebastian Jansen im Interview mit dem WueRD-Projekt

„Und ich finde das halt eine sehr gefährliche Welle, die dann in der Schule unterschwellig, ja sich ausbreitet. […] Ja, diese Welle, dass es ein Problem gibt, dass es so ein rassistsches Problem gibt. Was in der Schule existiert, von dem ganz viele Schülerinnen und Schüler wissen, ganz vieles auch bemerken und selbst spüren. Aber nie jemand darüber spricht beziehungsweise untereinander zwar spricht man darüber, aber dass es nie dazu kommt, dass man sich ausspricht.“

Aylin, interviewt im Rahmen von Liesa Rühlmann: ‚Race, Language, and Subjectivation. A Raciolinguistic Perspective on Schooling Experiences in Germany‘, Springer VS, 2023
‚Karim Fereidooni, was kann gegen Rassismus in der Schule getan werden?‘, Karim Fereidooni, LIFE Bildung Umwelt Chancengleichheit, 2024,youtube.com
Yalız Akbaba: ‘Lehrer*innen und der Migrationshintergrund. Widerstand im Dispositiv.’, Beltz Juventa, 2017
Aysun Doğmuş: ‘Professionalisierung in Migrationsverhältnissen. Eine rassismuskritische Perspektive auf das Referendariat angehender Lehrer*innen’, Springer VS, 2022, https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-37721-2