Ich habe mich erst als anders wahrgenommen, wenn es um meinen Namen ging. Es hieß immer: ‚Wie heißt du denn?‘ Meine Eltern hatten mir beigebracht, dann zu sagen: ‚Priya Varghese-Müller.‘ Das ist natürlich ein sehr langer Name, und ich glaube, ich habe perfektioniert, ihn ganz schnell aufzusagen. Die Reaktionen waren dann immer: ‚Hä, wie heißt du?‘ Daran erinnere ich mich noch aus meiner Kindergartenzeit: ‚Wiederhole das noch mal!‘
„Artikel 7 [Geburtsregister, Name, Staatsangehörigkeit]
(1) Das Kind ist unverzüglich nach seiner Geburt in ein Register einzutragen und hat das Recht auf einen Namen von Geburt an, das Recht, eine Staatsangehörigkeit zu erwerben, und soweit möglich das Recht, seine Eltern zu kennen und von ihnen betreut zu werden.“
Apropos Namen: Ich habe einen deutschen Vornamen, nur, weil meine Eltern nicht wollten, dass ich diskriminiert werde oder es schwer habe. Deshalb haben sie mir einfach einen willkürlichen deutschen Namen gegeben. Sonst würde ich ganz anders heißen.
„Mein richtiger Name wurde durch einen falschen deutschen Namen ersetzt. 1992 war das, als ich 14 Jahre alt war. Die rassistische Gewalt hatte in Ostdeutschland nach der Grenzöffnung krass zugenommen. Mir ist so viel passiert, dass ich nicht mehr zur Schule gegangen bin. Und die von der Schule haben gesagt: Das bessert sich nie mit diesem arabischen Vornamen. Ändern Sie den! Meine Mutter ist dann mit mir zum Standesamt gegangen und die haben einfach meine Identität geändert. Plötzlich war ich nicht mehr Rachid.“
„Der einzige Im Abteil, den der Schaffner
Bei der Kontrolle nach dem Ausweis fragt Ihr Name und Aussehen passen mir
Nach meinem Stand nicht zusammen
Nein nicht in diesem Land
Nein noch nicht in diesem Jahr
Bitte warten sie bis ich die Schublade
Dem Klischeeschrank verwiesen hab
Ja ich trage diesen Namen, H O R S T
Es entsteht immer noch keine Normalität
Wenn die Leute den Namen hier sehen
Schon seit über 20 Jahren mit diesem Namen am Leben
Doch der Schaffner schaut mich an
Als hätte es sowas noch nie gegeben
Ich warte und warte
Aus Tagen wurden Monate, aus Monaten Jahre,Während mich Leute
verachtend
Beim Bahnfahren betrachten
Wie im Zoo einen Affen
Hau ich in die Tasten
Und es entstanden
Diese Zeilen aus meinen Gedanken
Folglich resultierte dies nur aus meinem Namen
Welchen ich gerne trage, außer wenn ich in die Ferne fahre
Denn dann kommen Leute wie er und stellen mir diese eine Frage?
Und ich sag:
Ja man, mein Name ist Horst.“
Zu DDR-Zeiten erzählte mir eine Freundin, dass im Studentenwohnheim ein Aushang hing: Ein Devisenhotel in Berlin suchte für die Semesterferien Zimmermädchen. Ich habe angerufen. ‚Ja, hallo, Kaderabteilung‘, hieß es damals. Ich sagte: ‚Werner ist mein Name, und ich möchte mich als Zimmermädchen bewerben.‘ ‚Ja, wunderbar. Kommen Sie dann und dann vorbei.‘ Also bin ich hingegangen. Da kam mir eine blonde Frau entgegen und fragte: ‚Was möchten Sie denn?‘ Ich sagte: ‚Ich bin Werner. Ich habe einen Termin wegen der Stelle als Zimmermädchen.‘ Sie sagte: ‚Was? Wenn ich gewusst hätte, wie Sie aussehen, hätte ich Ihnen das ja nie gesagt. Dann hätte ich Ihnen den Job nie angeboten.‘ Ich dachte: ‚Habe ich etwas Komisches an?‘ Ich bin überhaupt nicht darauf gekommen, dass sie meine Hautfarbe meinte. Dann sagte sie: ‚Nein, wir nehmen doch keine Ausländer.‘ Ich sagte: ‚Ich bin keine Ausländerin.‘ Sie erwiderte: ‚Na, was sollen denn die Gäste denken? Die denken doch, Sie beklauen sie. Sie stehlen.‘ Ich dachte: ‚Was?‘ Dann bin ich einfach umgedreht und gegangen. Damals habe ich studiert und wusste, dass es bei uns in der Sektion, wo der Hauptsitz war, einen Anwalt gab. Also bin ich sofort zu ihm gegangen und habe gesagt: ‚Das gibt es doch wohl nicht! Sie sagt mir, ich würde stehlen, weil ich so aussehe, und die Gäste würden das auch denken. Ich fasse es nicht.‘ Der Anwalt war übrigens auch noch blind – das wusste ich nicht. Also musste ich ihm alles erklären.
Meine Kollegen konnten meinen Namen nicht aussprechen. Bis heute kämpfe ich damit, dass sie ihn richtig aussprechen. Ich muss am Telefon immer wieder buchstabieren, wie man meinen Namen schreibt. Darüber lachen meine Kolleg*innen und sagen: ‚Ach ja, Frau Kinta.‘
„Respekt fängt eben schon beim Namen an und Integration ist keine Einbahnstraße. DeutschPlus hat ein paar Leitfragen zusammengestellt, über die es sich lohnt nachzudenken: Wie soll mein Name ausgesprochen werden? Woher weiß ich, wie eine andere Person möchte, wie ihr Name ausgesprochen wird? Wieso tut sich die Mehrheitsgesellschaft bei bestimmten Namen leichter oder schwerer als bei anderen? Welchen Einfluss hat der Name auf Repräsentation oder Berufschancen in Deutschland? Welche Rolle spielt Gewohnheit? Wie können Lerneffekte erzielt, wie Sensibilität für das Thema geschaffen werden?“
„Es ist kein Zufall, wessen Name anerkannt wird. Die Einteilung von Namen in ‚deutsch‘ und ‚nicht-deutsch‘ hängt mit Rassismus zusammen. Dann erscheinen Namen als ‚zu schwierig‘, werden falsch ausgesprochen und geschrieben oder abgekürzt. Es ist eine Frage des Respekts und der Übung, sich einen Namen zu merken und ihn richtig auszusprechen. Situationen, in denen der eigene Name falsch oder mit Abwehr ausgesprochen oder übergangen wird, sind für die Namensträger*innen unangenehm und anstrengend.“
Ich war in der Schule einmal die Einzige, die bei einem Wettbewerb ein Gedicht vortragen konnte und zwar sogar in zwei Sprachen. Später kam mein Lehrer zu mir und sagte, ich sei die Einzige gewesen, die ein Gedicht vortragen konnte, und das sogar in zwei Sprachen. Es gab externe Gutachter, und sie konnten meinen Namen nicht aussprechen. Das habe ich aber gelernt: darauf zu bestehen, dass mein Name richtig ausgesprochen wird. Ich habe ihm gesagt: ‚Sorry, aber wenn ich deinen Namen richtig aussprechen muss, musst du meinen auch richtig aussprechen.‘
„Wie soll unser Kind mit Vornamen heißen? Das ist für werdende Eltern eine komplizierte, manchmal zermürbende Frage. Er soll etwas Schönes über das Kind ausdrücken, individuell sein – und trotzdem anschlussfähig. Der Name soll dem Kind eine gute Zukunft bereiten. Da machen Eltern mit oder ohne Einwanderungsgeschichte keinen Unterschied. So lautet etwa eine türkische Binsenweisheit: Adı güzel – tadı güzel, ist der Name schön – so ist es auch sein Wesen. Doch viele türkeistämmige Eltern überlegen ganz genau, wie sie ihr Kind mit Vornamen nennen möchten. Sie sind mit den Motiven sehr offen: Es geht darum, ob man dem eigenen Kind etwa die selbst erlebte Diskriminierungserfahrung im Alltag, am Arbeitsplatz oder beim Dating ersparen könnte. Also nennt man das Kind statt Ayşe doch lieber Ela. Oder aus Uğur wird dann Emir. Und manche überlegen, mitunter gleich dem Kind einen urdeutschen Namen zu geben, um jeden Hinweis auf den kulturellen Hintergrund zu tilgen. So mancher Maximilian hätte früher Mehmet geheißen.“
Man sieht es sofort: Der Ausländer wird einfach geduzt. Und der Inländer wird gesiezt.
Wen siezt du (nicht)?
Die Du-Klasse
„Es gibt in Deutschland eine Du-Klasse: Menschen, die man einfach duzen darf, ohne dass sie einem das angeboten haben. Zum Beispiel Ausländer, Behinderte, Bettler, Obdachlose. Du da unten, Sie da oben. Und dann wird runtergeduzt: Du Penner, willst du nicht mal arbeiten gehen, du faule Sau. Aber der da unten ist doch auch ein Mensch. Hat er nicht die mindeste Achtung verdient? Mehr als nur ‚Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei?‘ Ist eine dunkelhäutige Toilettenfrau eigentlich eine Doppel-Du, weil dunkelhäutig und Klofrau? Und demnach ein studierter Generaldirektor ein Doppel-Sie? Was ist mit der Königin von England? Ausländerin, also du. Demnach sagen wir: Du Königin du, willst du nicht mal arbeiten gehen? Aber als Königin ist sie eine Sie, vielleicht sogar eine Dreifach-Sie? Dagegen ist ein Blinder, der im Rollstuhl sitzt und auch nicht sprechen kann, ein Dreifach-Du. Ist doch logisch, du, oder?“
Ich habe viele Erfahrungen mit der Ausländerbehörde. Nach meinem Abitur habe ich viele Leute zum Ausländeramt begleitet. Das wurde später mein Hobby. Ich bin mitgegangen, um zu übersetzen, und habe diese Kämpfe mitgekämpft. Du gehst mit den Leuten hinein, und sie werden direkt geduzt. Dann frage ich: ‚Wieso duzen Sie ihn? Haben Sie mit ihm im Sandkasten gespielt oder wieso duzen Sie ihn?‘ Dann heißt es: ‚Nein, tut mir leid.‘