Ich bin in Venezuela geboren und 94 hat meine Mama mich hierher gebracht. Das ist auch wichtig, damit ihr das wisst, warum meine Mutter hierher gekommen ist. Meine Mutter hat in Venezuela einen Deutschen kennengelernt. Er ging nach Venezuela und meine Mama war in Venezuela Meinungsforscherin. Und das ist aber auch noch wichtig, dass ihr das wisst. Ich persönlich stamme aus der venezolanischen Favela. Meine Mutter war eine sehr hübsche Frau und sehr klug. Und dadurch hat sie es geschafft, mit drei Kindern ohne Mann in aus einer Favela stammenden Familie und über B., also über die Firma B, die ja nur Schönheitsprodukte verkauft, sich so weit zu steigern. Und eines Tages war sie in La Isla Margarita, was bis heute immer noch so eine Urlaubsinsel ist. Dort hat sie den Deutschen kennengelernt. Die führten ihre Beziehung. Er kam, er ging und irgendwann mal. Venezuela ist ein Land, das verlässt du nicht. Ich stamme aus einer Favela. Ich habe meine Mutter um 6:00 Uhr morgens gesehen und 22:00 Uhr wieder gesehen. Entweder hast du gearbeitet und hast zwar in einer Favela gewohnt, aber ich konnte in eine Privatschule zum Beispiel gehen. Meine Mutter hat es sich geleistet, mich in eine Privatschule zu schicken. Und meine Mutter hat Venezuela verlassen, weil mein Bruder verstarb.
Woran denkst du, wenn du an deine Eltern denkst?
„Die deutsche Wirtschaft begann zu expandieren
und machte sich auf, ohne Zeit zu verlieren,
der Industrie die Kräfte zu besorgen
für das Wirtschaftswunder von morgen.
Man hatte seine Sorgen der Arbeitskräfte wegen,
der Wunsch nach mehr begann sich zu regen,
die deutschen Ärzte, eher ganz verwegen,
gaben den Gästen ihren Tauglichkeitssegen.
Denn körperliche Arbeit war in Deutschland angesagt,
Mann, jung und gesund, genau das war gefragt.
Wer wagt, gewinnt, so lautete das Motto,
deine Reise nach Deutschland ist ein Sechser im Lotto.
In Wahrheit jedoch, man wusste es genauer,
die Deutschen waren schon immer etwas schlauer,
war der Aufenthalt geplant von kurzer Dauer.
Gesagt getan, doch die Rechnung ging nicht auf
Und du fragst noch, wer wir sind?!
Wir sind die Söhne der Gastarbeita,
die Söhne der Gastarbeita,
die Söhne der Gastarbeita.“
„Die Sons of Gastarbeita, oft auch als S.O.G. bekannt, sind weit mehr als nur eine Musikgruppe. Seit ihrer Gründung im Jahr 1994 im Ruhrgebiet hat sich die Formation als wichtige Stimme gegen Rassismus und Diskriminierung etabliert und dabei musikalisch gekonnt die Grenzen zwischen verschiedenen Genres überwunden. Ihr Sound ist eine dynamische Mischung aus Hip Hop, Rock, Funk und Soul, geprägt von persönlichen Erfahrungen und einer klaren politischen Botschaft.
Die Band wurde von Künstlern ins Leben gerufen, die als Kinder von sogenannten Gastarbeitern in Deutschland aufwuchsen. Diese Herkunft prägte maßgeblich ihre Texte und Themen. Im Mittelpunkt steht oft das Leben in zwei Kulturen, die Auseinandersetzung mit Vorurteilen und der Kampf um Anerkennung als gleichwertiger Teil der deutschen Gesellschaft. Ihr wohl bekanntestes Lied, ‚Söhne der Gastarbeita‘, ist zu einer Art Hymne für viele Menschen mit Migrationshintergrund geworden und beschreibt eindringlich die Gefühle des Angekommenseins und gleichzeitig des Immer-noch-als-Fremder-Seins.
Zu den prägenden Köpfen der Sons of Gastarbeita gehören die Gründungsmitglieder Gandhi Chahine, Bünyamin Werker und Germain Bleich. Im Laufe der Zeit wirkten weitere Musiker an der Band mit, darunter Mustafa Sarac, Frederik Lubitz und Frank Peters, die mit ihren jeweiligen Instrumenten (Bass, Schlagzeug, Gitarre, Keyboard, Posaune) zur musikalischen Vielfalt der Gruppe beitragen.
Neben ihrer musikalischen Arbeit sind die Sons of Gastarbeita stark im sozialen Bereich engagiert. Sie beteiligen sich aktiv an Projekten gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, insbesondere in der Jugendarbeit. Ihr Projekt ‚Rap für Courage‘, das bereits 1995 ins Leben gerufen wurde, nutzt die Kraft des Hip Hop, um Jugendlichen Mut zu machen, sich gegen Diskriminierung zu wenden und ihre eigene Stimme zu finden. Für ihr unermüdliches Engagement wurden die Sons of Gastarbeita mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit einem Preis beim Integrationswettbewerb der Bertelsmann-Stiftung im Jahr 2002 und dem ‚Goldenen Hammer‘ des Landes Nordrhein-Westfalen.
Diskografisch machten die Sons of Gastarbeita erstmals 1996 mit ihrer EP ‚Du So‘ auf sich aufmerksam. Diese Veröffentlichung enthielt Titel wie ‚Why Do You Call Them … ?‘, ‚Ich Will Mehr‘, ‚Action Man‘, ‚R.W.I.‘, ‚Wut‘, ‚Ali Baba Mustafa’ und eben ‚Söhne Der Gastarbeita‘. Im Jahr 2005 erschien zudem ein ‚Best of Album S.O.G.‘“

„Damit ihre Erinnerungen nicht in Vergessenheit geraten, widmete Aras Ören seinen Gedichtband ‚Berliner Trilogie‘ den westdeutschen türkischen Gastarbeiterinnen und ihren Kindern. Das Buch ist Zeugnis einer Erinnerungskultur, die sich über viele Jahrzehnte erkämpft wurde und bis heute von ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln erkämpft wird. Die Erinnerungen der Gastarbeiterinnen in der BRD sind allerdings andere als die der Vertragsarbeiterinnen in der DDR. Neben den Werktätigen kamen zudem Studentinnen und Schüler*innen aus damaligen sozialistischen ‚Bruderländern‘ sowie politisch Verfolgte aus der ganzen Welt in die DDR, die viele von ihnen früher oder später wieder verließen oder verlassen mussten. Literarische Dokumentationen wie die ‚Berliner Trilogie‘ von Ören, die von den Leben der Zugezogenen erzählen, kennen wir von Menschen, die in die DDR migrierten, nur wenige.“
„Welche Geschichten wollen wir erzählen? Wer sind wir? Welche Geschichten werden über uns erzählt?“

Songtext zu „Der Gastarbeiter“
[Part 1]
Mein Opa kam in dieses Land, grüner Opel Commodore
Sivas nach Lemgo, sieben Kinder ohne Kohle
Mit meiner Oma, sechs Mädchen und ei’m Jung’n
Er war streng zum Arbeiten, hatte jeden hier gezwung’n
Er wollt’, dass wir’s einmal besser haben
Weil die Gründe für den Umzug bestimmt nicht am Wetter lagen
Nix mit Schule, wo war der Staat?
Als meine Mama 15 war – Arbeit in Papierfabrik
Wahrscheinlich die Jüngste da
Es war die Zeit, als sie verliebt in einen Künstler war
Mein Vater sang für Frieden, als er sie von der Bühne sah
Liebe in einer fremden Kultur und Land
Mein Opa wollt’ es nicht, deswegen sind sie durchgebrannt
Irgendwann kamen sie zurück und küssten Opas Hand
Es war kurz danach, als ihr kleiner Sohn entstand
Wisst ihr wer? Ekrem, bir işçinin oğlu
Früher Rap-Fan, heute Business-Ikone
[Hook]
Wir sind ein gewisser Schlag von Mensch
Haben unser ganzes Leben immer hart gekämpft
Wenig Kohle, doch macht mal weiter
Ich wiederhole: Gastarbeiter
Wir lieben Deutschland vom Herzen wie verrückt
Doch leider liebt es uns nicht jedes Mal zurück
Wer sieht schon gerne seine Nachbarn scheitern
Außer es handelt sich um Gastarbeiter
[Part 2]
Glaubt mir, dass dieser Freezy hier die Wahrheit spricht
Was für Sprachkurs? Damals wurd’ gearbeitet
Ich erinner’ mich, so sah unsre Freizeit aus
Wir Gastarbeiter-Söhne waren nur allein Zuhaus
Ich wuchs auf mit mein’n Cousins, Inan und Cem
Meine Eltern hatten sich inzwischen wieder getrennt
So wurden wir drei groß, Brüder für immer
Wir war’n nicht reich, bloß glückliche Kinder
Wer weiß, wie die Sterne im Universum fall’n?
Unser Inan starb bei einem Verkehrsunfall
Seitdem war die Familie nie mehr die gleiche
Dabei wollten wir doch hier nur Zufriedenheit erreich’n
Was soll’n wir machen? Man blickt halt nach vorn
Doch hatten unser Lachen im Gesicht bereits verlor’n
Ich seh’ euch an und das macht mir Mut
Deswegen steht es auf mei’m Rücken: Akbulut
Alles wird gut
[Hook]
Wir sind ein gewisser Schlag von Mensch
Haben unser ganzes Leben immer hart gekämpft
Wenig Kohle, doch macht mal weiter
Ich wiederhole: Gastarbeiter
Wir lieben Deutschland vom Herzen wie verrückt
Doch leider liebt es uns nicht jedes Mal zurück
Wer sieht schon gerne seine Nachbarn scheitern
Außer es handelt sich um Gastarbeiter
[Part 3]
Meine jüngste Tante Handan war nicht viel älter
Lebte bei uns so wie meine Schwester
Sie war Rebellin, was ich heute weiß
Sie hat mir die Musik namens „Hip-Hop“ gezeigt
Sie ging als Au-pair nach Amerika
Wo sie dann ganz tragisch ums Leben kam
Und das war unser zweiter Schicksalsschlag
Obwohl ich dieses Wort nicht Mal mag
Das ist die Story meiner Family
Kamen von Turkey nach Germany
Mein Opa starb dieses Jahr, er war krank, Gott bewahre
Hat sein Leben lang gearbeitet und konnt’ nicht mal die Sprache
Eine Generation, die sich aufgeopfert hat
Damit einer wie ich heute auch was davon hat
Denn wär’ er damals nicht nach Deutschland gekomm’n
Hätt’ ich heute diesen Track nicht für euch aufgenomm’n
Der Gastarbeiter
[Hook]
Wir sind ein gewisser Schlag von Mensch
Haben unser ganzes Leben immer hart gekämpft
Wenig Kohle, doch macht mal weiter
Ich wiederhole: Gastarbeiter
Wir lieben Deutschland vom Herzen wie verrückt
Doch leider liebt es uns nicht jedes Mal zurück
Wer sieht schon gerne seine Nachbarn scheitern
Außer es handelt sich um Gastarbeiter