Rassismus ist eine gesellschaftliche Normalität, die beeinflusst, wie Menschen die Gesellschaft, sich selbst und andere verstehen lernen. Diese Normalität wird auch davon charakterisiert, dass Rassismus von Menschen, die keinen Rassismus erleben, oft nicht erkannt wird. Auf die Normalität des Rassismus und ihre Bedeutung für pädagogische Kontexte, wie Schule oder Jugendzentrum, verweist Paul Mecheril, Professor für Erziehungswissenschaft, unter anderem in einem Artikel in der Zeitschrift ‚Überblick‘ aus dem Jahr 2007.
Das ‚Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen‘ (IDA-NRW) gibt seit 1995 die Zeitschrift ‚Überblick‘ heraus. Sie ist ein wichtiges Medium der rassismuskritischen Auseinandersetzung und der Stärkung rassismuskritischer Akteur*innen gerade im Bereich der (politischen) Bildung. In einem 2007 in der Zeitschrift veröffentlichten Artikel beschreibt der Autor Paul Mecheril, Professor für Erziehungswissenschaft, die Normalität des Rassismus: Rassismus ist insofern normal, als er mit Normalitätsvorstellungen verbunden ist, also mit Bildern davon einhergeht, welche Menschen als normal gelten und welche nicht. Weiße Menschen werden in Deutschland meistens als normal angesehen und nicht-weiße Menschen häufig nicht. Nicht-weiße Menschen werden dann als anders angesehen, was die Voraussetzung dafür ist, sie abzuwerten und auszugrenzen. Zudem ist Rassismus alltäglich und gängig und damit Teil der Normalität des Zusammenlebens. Schließlich ist Rassismus auch deshalb normal, weil wir uns als Gesellschaft daran gewöhnt haben, dass Menschen Rassismus erleben und erleben müssen.
Diese Gewöhnlichkeit und Normalität Rassismus ist auch dadurch charakterisiert, dass viele Menschen, die selbst keinen Rassismus erleben, Rassismus nicht als solchen erkennen, ihn, auch unbeabsichtigt, reproduzieren, also selbst die rassistische Einteilung von Menschen in ihrem Denken und Handeln wiederholen. Damit konfrontiert, beispielsweise durch entsprechende kritische Hinweise rassismuserfahrener Menschen, lehnen sie es teils ab, Schilderungen von Rassismuserfahrungen als bedeutsam oder gar als legitim anzuerkennen. Dev Raval, der an einem Gruppengespräch im Rahmen des WueRD-Projekts teilgenommen hat, schildert im Interview das Erleben rassistischer körperlicher Gewalt 1999 in Chemnitz. Er beschreibt in diesem Zusammenhang, dass Rassismus normal ist, aber für viele Menschen schwer oder nicht erkennbar ist: „verdeckt, versteckt, latent“. Auch weitere Interviewte verweisen darauf, dass Menschen ohne eigene Rassismuserfahrungen Rassismus oftmals nicht als solchen wahrnehmen, weil sie sich nie damit auseinandergesetzt haben und es für sie normal ist, Menschen anhand von potenziell rassistischen Kriterien wie Kultur, Religion oder Sprache so einzuteilen, dass gesellschaftliche Ungleichheit irgendwie gerechtfertigt erscheint. Ayla Keser legt beispielsweise dar, dass Politiker*innen häufig rassismusunerfahren und in diesem Sinne privilegiert sind, was es für sie erschwert zu erkennen, wie Rassismus abgebaut werden kann und welche politischen und gesellschaftlichen Veränderungen dafür nötig wären. Reza Asadi betont, dass Anlaufstellen, wie zum Beispiel Beratungsstellen oder Beschwerdestellen fehlen und Rassismus oft nicht ernst genommen wird.
Auch IDA-NRW setzt sich mit der Normalität des Rassismus auseinander und entwickelt vielfältige Bildungsangebote im Themenfeld der Rassismuskritik. Durch diese wird Menschen ermöglicht, sich mit dieser Normalität und der eigenen Rolle in rassistischen Verhältnissen kritisch zu beschäftigen. Somit können sie beispielsweise lernen, wie Rassismus etwa in Medien zu einer Normalität gemacht, also normalisiert wird und wie dieser Normalisierung etwas entgegen gebracht werden kann. Auch Karim Fereidooni, Professor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung, verweist darauf, dass und wie es möglich ist, rassismuskritisch denken zu lernen. Er spricht von der „Analysebrille“ der Rassismuskritik, die es ermöglicht, Rassismen zu erkennen, zu reflektieren und so auch zum Abbau rassistischer Zuschreibungen und Ordnungen beizutragen.