Rassismus ist eine Art und Weise der Unterscheidung von Menschen, die die ganze Gesellschaft durchdringt. Da wir alle in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind und in ihr leben, haben wir diese Art der Unterscheidung, die zu Abwertung und Ausgrenzung führt, erlernt, auch ohne uns darüber immer bewusst zu sein. Rassismus führt so dazu, dass wir auf entsprechende Formen des Handelns, Denkens und Fühlens zurückgreifen, wenn wir eine Situation deuten müssen. Rassismus bringt also auch ein rassistisches Wissen hervor. Anne Broden und Paul Mecheril verwenden hierfür den Ausdruck ‚Rassismus bildet‘.
Anne Broden war bis 2017 Leiterin des ‚Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen‘ (IDA-NRW) und Paul Mecheril ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Bielefeld. Sie betonen mit dem etwas provokanten Titel ‚Rassismus bildet‘ in dem entsprechenden 2010 erschienen Buch, dass Menschen durch rassistische Gesellschaftsstrukturen erlernen, wer als normal gilt und wer als Abweichung. In und durch rassistische Traditionen lernen Menschen, wer gesellschaftlich als zugehörig gilt und wer nicht als zugehörig und als anders angesehen wird. Zudem erlernen Menschen durch und in rassistischen Traditionen, auch sich selbst in einer bestimmten Weise zu sehen und zu verstehen. Die Macht dieser rassistischen Bildung kann jedoch durch eine rassismuskritische Bildung geschwächt und bekämpft werden. ‚Rassismus bildet‘ meint dann also auch, dass Menschen kritisch erkennen lernen sollten, welche Zuschreibungen sie betreffen und welche anderen Optionen eines Selbstverständnisses ihnen zur Verfügung stehen. Im Rahmen des WueRD-Projekts geführte Interviews geben Einblick in diese verschiedenen bildenden Funktionen des Rassismus. So hebt Obum Müller hervor, wie er mit Beginn seiner Schulzeit gelernt hat, sich selbst als nicht-zugehörig, also als Anderer zu verstehen. Marcus Adu berichtet davon in seinem Beruf im Gesundheitswesen mit der Frage einer Auszubildenen konfrontiert worden zu sein, ob sein Blut auch rot sei. Er verknüpft die Erfahrung mit dem Thema der Bildung und bezeichnet die die Frage stellende Person als ungebildet, da diese Person sich offenbar nicht mit rassistischen Zuschreibungen auseinandergesetzt hat.
Innerhalb von rassistischen Verhältnissen entsteht vielfältiges Wissen über Rassismus, das auf dieser Ausstellungsplattform ausgestellt wird: Rassismus bildet auch in dieser Hinsicht. So wird etwa Wissen über notwendigen Schutz und die Wichtigkeit von Vernetzung erworben. Es wird Wissen erlangt, wie bestimmte Situationen einzuschätzen sind und welche Gefahren potenziell wo und unter welchen Umständen und für wen vorhanden sind. Es ist ein Wissen darüber, welche Handlungsstrategien entwickelt werden müssen. Rassismus formt also auch Handlungswissen und Selbstverständnisse darüber, wie der eigene Körper gesellschaftlich gesehen wird, was ihm zugeschrieben wird und wie sich darauf vorbereitet werden sollte.
Ein früh entstandenes Material, das viel in der Bildungsarbeit eingesetzt wurde, ist der ‚Baustein zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit‘ des DGB-Bildungswerks Thüringen e.V. aus dem Jahr 2003. Karima Benbrahim, heutige Leiterin der Fachstelle IDA-NRW, hebt in einem Gespräch, das im Rahmen von WueRD geführt wurde, heraus, welche wichtige Funktion diesem Bildungsmaterial historisch für die Bildungsarbeit zukommt. Das ‚Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V.‘ (IDA) hat eine ‚Vielfalt-Mediathek‘ erstellt, die online abrufbar ist. Darin sind vielfältige weitere Bildungsmaterialien zu finden, die insbesondere seit den 2000er Jahren entstanden sind.