‚Erinnern heißt verändern‘ ist ein Slogan, den die ‚Initiative 19. Februar Hanau‘ nutzt, um deutlich zu machen, dass das Gedenken, die Erinnerung an rassistische Gewalttaten, auch Konsequenzen für die Zukunft haben muss. Diese und weitere Initiativen und Angehörige fordern Aufklärung, Verantwortung von Behörden und Politik sowie konkrete Veränderungen in Bezug auf rassistische Gewalt, damit sich diese nicht wiederholt. Eine wirksame Erinnerungsarbeit geht insbesondere von Betroffenen rassistischer Gewalt und deren Angehörigen aus. Sie sind es, die an zahlreiche Gewalttaten erinnern, wie etwa an den rechtsterroristischen Nagelbombenanschlag 2004 in Köln.
Am 19.02.2020 wurden bei dem rassistischen Anschlag in Hanau neun junge Menschen ermordet: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. 2026 ist an den Folgen seiner Verletzungen zudem Ibrahim Akkuş verstorben. Die Angehörigen haben seit dem Anschlag ein immenses Wissen zusammengetragen. Sie berichten regelmäßig in öffentlichen Gesprächen und in den Medien über die rassistische Gewalt, die ihre Familienangehörigen und damit auch sie unmittelbar traf. In ihren Erzählungen, Forderungen und Analysen zeigt sich ein Wissen über die Kontinuitäten rechter und rassistischer Gewalt. Auch machen sie damit ihre Perspektiven als Betroffene deutlich. Sie blicken dabei kritisch darauf, wie Behörden (z.B. die Polizei und die Gerichte), die Politik und die Öffentlichkeit nach rassistischen Anschlägen auftreten und handeln. Sie plädieren für eine andere und menschenrechtlich angemessene Umgangsweise mit rassistischer Gewalt unter dem Motto ‚Erinnern heißt Verändern‘. Sie machen damit deutlich, dass Gedenken nicht bei Symbolen, wie dem Niederlegen von Blumen, stehen bleiben kann, sondern gesellschaftliche Konsequenzen haben muss. Es muss eine ernsthafte rassismuskritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Realität und dem besseren Schutz von Personen, die Rassismus erleben, verfolgt werden.
Auch weitere Initiativen in Deutschland engagieren sich und stärken auf Veränderung zielende Erinnerungsarbeit. So setzt sich beispielsweise die Initiative ‚Keupstraße ist überall‘ dafür ein, den Nagelbombenanschlag von 2004 in Köln und seine Folgen sichtbar zu machen. Sie erinnert an die Verletzten und die Zerstörung und auch daran, dass die Betroffenen lange Zeit selbst verdächtigt wurden. Statt den Anschlag konsequent als rassistischen Terror einzuordnen, wurde den Bewohner*innen der Keupstraße medial sowie von Polizei und Ermittlungsbehörden eine Neigung zu kriminellem oder gewalttätigem Verhalten unterstellt. Erinnern bedeutet hier also auch die Deutungshoheit über das Geschehene zurückzugewinnen. So wehren sich die Angehörigen gegen eine Täter-Opfer-Umkehr und schaffen Räume, in denen Betroffene sprechen und berichten können. Die Bildungsinitiative ‚Keupstraße ist überall – erinnern, aufklären, verändern‘ etwa ermöglicht Erinnerungs- und Reflexionsansätze zum Beispiel durch die Ausstellung ‚Von der Nagelbombe bis zum Mahnmal – 22 Jahre danach‘. Dort wird unter anderem das Ladenschild des Friseursalons Özcan ausgestellt, vor dem die Nagelbombe explodierte.
Die Initiative ‚Reclaim and Remember‘ thematisiert den Anschlag von 1992 in Mölln, bei dem Yeliz Arslan, Ayşe Yilmaz und Bahide Arslan ermordet wurden. Sie strebt die Vernetzung von entsprechenden Initiativen und ein aufeinander bezogenes Erinnern auch weiterer Taten an. Dadurch wird sichtbar, dass rassistische Gewalt keine Reihe isolierter Einzelfälle darstellt, sondern Teil einer gesamtgesellschaftlichen Geschichte, die noch immer Auswirkungen hat, sowohl für die Angehörigen als auch gesellschaftlich. Dass Erinnern einen langen Atem erfordert und jahrzehntelanges Kämpfen bedeuten kann, zeigt die seit 2013 stattfindende ‚Möllner Rede im Exil‘. Sie entstand als Reaktion darauf, dass Angehörige sich bei der Gestaltung des städtischen Gedenkens an den Anschlag in Mölln nicht beteiligt fühlten. Auch das Beispiel der Ermordung Ramazan Avcıs 1985 in Hamburg verweist auf andauernde Kämpfe. Erst 2012 wurde am Ort der Mordtat ein Platz nach ihm benannt. 2025 wurde eine würdige Neugestaltung dieses Gedenkorts umgesetzt nachdem Ramazan Avcıs Angehörige sich dafür eingesetzt und lange dafür gekämpft hatten. Diese um viele Jahre verspätete Anerkennung von Leid und Unrecht machen sichtbar, dass Gedenken in Deutschland oft nicht selbstverständlich ist, sondern erstritten werden muss. Gedenkorte sind öffentliche Orte, die den Opfern gewidmet sind und die den Angehörigen und solidarischen Mitstreiter*innen als Treffpunkt und Ort zum Trauern dienen. Gedenkorte sind aber auch Orte der zuweilen mahnenden Einladung zu einer Auseinandersetzung mit Gewaltverhältnissen für die ganze Gesellschaft. An Gedenkorten kann ein öffentliches Wissen über rassistische Gewalt entstehen. All dies zeigt, dass rassistische Gewalt Kontinuitäten hat und die gesellschaftliche Anerkennung dieser Gewalt als Gewalt erkämpft werden muss.
Erinnerungsarbeit in bedeutsamem Maße findet sich ebenfalls im Internet auf Websites und auf Social Media-Plattformen. Dort teilen Initiativen Demonstrationstermine oder erinnern an rassistische Gewalttaten und die dabei Verstorbenen, etwa zum 10. Jahrestag der Ermordung von Sabine S., Dijamant Zabërgja, Sevda Dağ, Can Leyla, Guiliano Kollmann, Armela Segashi, Hüseyin Dayıcık, Selçuk Kılıç und Roberto Rafael im Olympia-Einkaufszentrum in München 2016. Die digitale Ausstellung ‚De-Zentralbild‘ macht Geschichten von rassismuserfahrenen Personen zugänglich, die zwischen 1957 und 1990 in der DDR lebten. Dort berichtet unter anderem Tomás Django von seinem siebzehnjährigen Mitschüler Carlos Conceição, der 1987 in Straßfurt rassistisch angegriffen wurde und starb, nachdem er von einer Brücke gestoßen wurde. Die digitale Ausstellung ‚Gegen uns.‘ stellt Lebensgeschichten von Personen aus, die in Deutschland rechte Gewalt erlebten. Erinnert wird dort unter anderem an Françoise Makodila Landu, Christine Makodila, Miya Makodila, Christelle Makodila Nsimba, Legrand Makodila Mbongo, Jean-Daniel Makodil Kosia, Monika Maiamba Bunga, Nsuzana Bunga, Sylvio Bruno Comlan Amoussou und Rabia El-Omari. Sie verstarben 1996 in Lübeck bei einem Brandanschlag auf ein Wohnhaus für Asylbeantragende.
Auch in Musikstücken wird auf rassistische Gewalttaten und ihre Opfer verwiesen, etwa durch Aksu, der an die Ermordung seiner Freund*innen in Hanau 2020 erinnert und Konsequenzen fordert. Die ‚Sons of Gastarbeita‘ erinnern an die Gewaltnacht in Solingen 1993, bei der Saime Genç, Hülya Genç, Hatice Genç, Gürsün İnce und Gülüstan Öztürk ermordet und weitere Personen schwer verletzt wurden. Auch die im Rahmen von WueRD Interviewten verweisen auf Personen, die Opfer rassistischer Gewalt wurden. Noah García nennt Amadeu Antonio, der 1990 in Eberswalde angegriffen wurde und aufgrund seiner Verletzungen verstarb. Dev Raval bezieht sich auf Jorge Gomondai, der 1991 in Folge eines rassistischen Angriffs in Dresden starb. Diese Verweise in den Interviews können als Formen aktiver Erinnerung verstanden werden.
Erinnerung wird auch zu einer Praxis der Solidarität. Die genannten Initiativen ermöglichen, dass Menschen, die von. rassistischer Gewalt betroffen sind, sich austauschen. Sie verbinden Initiativen und Unterstützer*innen antirassistischer Aktivitäten. Zudem halten sie Namen und Geschichten von Opfern rassistischer Gewalt präsent und richten den Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen, die diese Gewalt ermöglichen. Nur einige dieser Namen werden auf dieser Ausstellungsplattform genannt. Auch weitere Namen müssen und sollen erinnert werden. Insgesamt zeigt sich, dass Erinnerungsarbeit nicht nur Vergangenes bewahrt und die Namen der Opfer zu einem wichtigen Teil der Geschichte Deutschlands macht, sondern auch ein Wissen über Rassismus produziert und weitergibt. Erinnerungsarbeit sorgt dafür, dass Erfahrungen geteilt werden können, stärkt die rassismuskritische Öffentlichkeit und fordert Veränderungen ein, damit das Erinnern nicht mit dem Gedenken endet, sondern auch einen Beitrag dazu leistet, dass rassistisches Denken, Fühlen und Handeln weniger wahrscheinlich wird.