Der Slogan ‚Rassismus tötet‘ wird zum Teil bei Demonstrationen gegen Rassismus verwendet, um auf die tödliche Gefahr für rassismuserfahrene Personen zu verweisen. Auch geht es mit dem Slogan darum, auf die Notwendigkeit von Schutz aufmerksam zu machen. Im Rahmen des Projekts WueRD interviewte Personen erzählen von Momenten, in denen ihnen klar wurde, dass Rassismus tötet und sie sich entsprechend schützen müssen.
Wissen über Rassismus ist auch ein Wissen darüber, dass Rassismus eine Gefahr für Leib und Körper darstellt, töten kann und entsprechende Schutzmaßnahmen erfordert. Durch Berichte von Gewalttaten oder dadurch, dass rassistische Gewalttaten in der Nähe des eigenen Wohnorts stattfinden, erfahren Menschen, die Rassismus erleben, dass die Gewalt auch sie treffen kann. In den im Rahmen von WueRD geführten Interviews wird deutlich, dass einige Befragte sich bereits in der Kindheit Wissen über das lebensbedrohliche Potenzial rassistischer Gewalt aneignen mussten.
Sowohl die interviewten Menschen aus West- als auch aus Ostdeutschland berichten davon, dass sie körperliche rassistische Angriffe erlebt haben. In den Erzählungen aus Ostdeutschland erscheint Gewalt insofern normaler, als fast jede der interviewten Personen selbst einen körperlichen Angriff erlebt hat oder durch Wegrennen solchen Angriffen entkommen musste. Dev Raval berichtet von einem Übergriff 1999 in Dresden, bei dem die Polizei ihm selbst später eine mögliche Verantwortung für den Übergriff zuschrieb. Die Polizei behauptete also, dass er möglicherweise selbst verantwortlich für den Übergriff war. Diese Reaktion war für Dev Raval eine Enttäuschung. Er erzählt von der am Mord an Jorge Gomondai 1991 in Dresden. Dadurch ist ihm das tödliche Potenzial von Rassismus klar geworden. Durch dieses Wissen war für ihn klar, dass der Angriff auf ihn selbst ebenfalls hätte tödlich enden können. Auch einige weitere Interviewte nennen Situationen, in denen sie Angst hatten. Angst zeigt sich hier als Wissen, dass man selbst von Gewalt getroffen werden kann. Es ist Angst vor möglichen (weiteren) Angriffen.
In einem Gedicht, das an Yeliz Arslan erinnert, die 1992 bei einem Brandanschlag auf ihre Familie in Mölln starb, wird eine kreative Form des Erinnerns sichtbar, die zugleich auf das Versagen von Schutz verweist. Auch Bassam Haddad, der im Rahmen von WueRD interviewt wurde, verweist auf fehlenden Schutz. Er spricht auch davon, dass rassistische Gewalt häufig nicht gesehen oder nicht ernst genommen wird, weil voreilig oder fälschlich behauptet wird, dass die Tat nur von einem isolierten Einzeltäter ausgehe und nicht (auch) auf allgemeine Strukturen verweist. Dokumentationen rechter Gewalt, etwa in Form eines Zeitstrahls auf der Webseite der Amadeu-Antonio-Stiftung, machen sichtbar, dass rassistische Taten nicht angemessen verstanden werden, wenn sie darauf reduziert werden, dass es sich hier um Einzelfälle handeln würde. Die Kontiunität des rassistischen Geschehens verweist auf ein gesellschaftliches Muster. Weitere Formen der Dokumentation von Rassismus finden sich in der Spur ‚Dokumentation‘.
Der Slogan ‚Rassismus tötet‘ verweist nicht nur auf spezifische Vorkommnisse und Taten selbst, sondern auch auf das gesellschaftliche Umfeld, das tödliche Angriffe möglich werden lässt. Auch, dass Institutionen wie Polizei und Gerichte häufig nicht sensibel sind oder nicht bereit sind, Rassismus zu erkennen, verstärkt die Gefahr der Bewahrung rassistischer Wirklichkeit.